Plauderstündchen

Reale Fantasie und fanstastische Realitäten – Teil 1

Interview mit Daniela Ohms Teil 1

Nachdem ich so begeistert von „Harpyienblut“ von Daniela Ohms gewesen war, wollte ich sehr gern ein Interview mit der Autorin führen. Dass ich dieses nun erst knappe drei Monate nach meiner Rezension posten kann, hat eine lange Geschichte, in der vermutlich auch viele unglückliche Zufälle aufeinandergeprallt sind. Nichtsdestotrotz freue ich mich aber, dass endlich alle Widrigkeiten überwunden werden konnten, und bin ganz begeistert, dass die Autorin meine kleinen Fragen so ausführlich beantwortet hat.

Ich finde es persönlich immer am spannendsten, wenn Autoren von ihren Büchern, Ideen, Inspirationen und natürlich vom Schreiben selbst berichten, und ich hoffe sehr, dass euch die Antworten ebenso brennend interessieren. Daniela Ohms hat meine Fragen so wunderbar und vor allem gründlich beantwortet, dass ich mich dazu entschieden habe, das Interview zu teilen. Ich möchte euch einfach nur so ungern etwas vorenhalten. Im ersten Teil geht es überwiegend um das Buch selbst. Der zweite Teil dreht sich um das Leben als Autorin und das Schreiben.

Nun wünsche ich euch viel Vergnügen beim Lesen von Teil 1!

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Tintenmeer: Zur Einstimmung wäre es toll, wenn Sie als Erstes mit eigenen Worten ein wenig von Lucies Geschichte berichten könnten.

Daniela Ohms: Nach Außen versucht die 18-jährige Lucie so zu sein wie alle anderen Mädchen in ihrem Alter, sie geht zur Schule, spielt ziemlich erfolgreich Volleyball, hat eine beste Freundin … Aber unter all dem verbirgt sie ein Geheimnis: Sie ist als Baby aus einem Ei geschlüpft und in zwei langen Narben auf ihrem Rücken verstecken sich die Flügel von Raubvögeln. Am schwersten fällt es ihr, ihren Drang zu fliegen zu unterdrücken und zu verbergen, wie groß ihr Hunger auf rohes Fleisch ist.

Lucie wurde von einer Pflegemutter großgezogen, die sie gefunden hat, als sie gerade aus ihrem Ei geschlüpft ist und die sie als ihr leibliches Kind ausgegeben hat. Nachdem diese aber früh gestorben ist, lebt Lucie nun bei ihrer „Tante“, die von ihrem Geheimnis nichts weiß.

Lucie weiß weder, wer ihre richtige Mutter ist, noch, was für eine Art von Kreatur sie eigentlich ist. Aber schließlich fängt sie an, sich zu verändern. Sie kann plötzlich Kreaturen sehen, die dem Jenseits entstammen, und wird von einer unbekannten Macht dazu gedrängt, die Seelen von toten Kindern abzuholen und durch das Jenseits zu begleiten.

In dem Buch geht es letztendlich darum, wie Lucie es schafft, mit dieser schrecklichen Aufgabe umzugehen, ohne daran zu zerbrechen. Es geht um die Bedeutung von Freundschaft und Liebe. Denn Lucies Freunde und der Junge, mit dem sie schon seit langer Zeit verbunden ist, sind die einzigen, die Lucie dabei helfen können, trotz ihrer Verwandlung zu einer Harpyie, weiterhin ein Mensch zu bleiben.

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Tintenmeer: Der Schauplatz von Lucies Geschichte ist zum großen Teil Berlin. Worin liegen für Sie die Vorteile (und vielleicht auch Nachteile) realer Schauplätzen gegenüber den fantastischen Welten?

Daniela Ohms: Der Grund, warum ich gerne reale Schauplätze verwende, liegt darin, dass der Leser über sie eine realere Verbindung zu der Geschichte aufbauen kann. Die meisten meiner Schauplätze in diesem Buch lassen sich nachrecherchieren und wer schon einmal dort war, wird sie wahrscheinlich wiedererkennen. Damit will ich gewissermaßen die Illusion erzeugen, dass der Rest auch „echt“ sein könnte. Gerade für Fantasy finde ich es sehr reizvoll, wenn sie glaubwürdig in unserer Welt verankert wird.

Nachteile liegen darin, dass ein realer Schauplatz natürlich seine Grenzen aufweist und nicht immer all das bietet, was ich mir von ihm wünschen würde. An dieser Stelle nutze ich aber auch gerne meine dichterische Freiheit und mache die Atmosphäre beispielsweise etwas gruseliger, als man sie empfinden würde, wenn man den Ort tatsächlich besucht.

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Tintenmeer: Haben Sie die Schauplätze des Romans selbst noch einmal besucht und Eindrücke in sich aufgenommen?

Daniela Ohms: Ja, die meisten meiner Schauplätze, vor allem natürlich die großen und wichtigen habe ich selbst besucht. Manchmal bin ich aber an Grenzen gestoßen, die ich dann doch lieber nicht übertreten wollte. Wenn beispielsweise ein Truppenübungsplatz abgezäunt ist, weil er mit blinder Munition verseucht ist, die unter meinen Füßen explodieren könnte, halte ich doch lieber am Zaun an und sehe mir das Ganze von Weitem an. Aber sehr zu meinem Vorteil, gibt es Menschen, die auch diese Grenzen übertreten und ihre Eindrücke dann via Foto im Internet posten. Von solchen Bildern habe ich mir Unmengen angesehen.

Viele Schauplätze, wie beispielsweise das Olympische Dorf, habe ich in der Planungsphase des Buches überhaupt erst im Internet gefunden und sie mir anschließend in Natura angesehen. An anderen bin ich schon mal gewesen und hatte sie noch gut in Erinnerung. Aber solche Erinnerungen habe ich dann auch noch mal aufgefrischt.

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Tintenmeer: In letzter Zeit gibt es im Jugendbuchbereich keinen Mangel an den verschiedensten fantastischen Kreaturen. Wie haben die Harpyien ihren Weg in das Buch gefunden?

Daniela Ohms: Im ersten Schritt wollte ich ein Buch über ein Mädchen schreiben, das fliegen kann. Darauf hat mich meine Tochter gebracht, als sie auf einer Mauer entlang balanciert ist und meinte, wenn sie fliegen könnte, würde sie dort oben über das Dach fliegen.

Auf der Suche nach der richtigen Kreatur, bin ich dann erst mal nach dem Ausschlussprinzip vorgegangen: Elfen und Feen wollte ich nicht, weil ich sie in der Darstellung mit Flügeln zu kitschig finde. Meine nächste Idee waren Engel. Damit kam das Thema Tod in das Buch, das mich seit jeher fasziniert und erschreckt und worüber ich im Grunde immer schon mal schreiben wollte. Aber die Engel gefielen mir auch noch nicht so ganz, weil mir das duale Weltbild von Gott und dem Teufel eigentlich gar nicht zusagt und weil es schon so viele Geschichten über Engel gibt.

Auf die Harpyien bin ich dann bei meiner Recherche gestoßen, weil irgendwo erwähnt wurde, dass sie als mythologischer Vorgänger der Engel gelten können. Also habe ich mich näher mit den Harpyien beschäftigt und mir war schnell klar, dass diese schaurigen Gestalten genau das richtige für mich sind. Ich war vor allem fasziniert davon, dass sie in den unterschiedlichen Geschichten so unterschiedlich dargestellt werden: Von der schönen, blond gelockten Vogelfrau, bis hin zu einer hässlichen Kreatur mit Raubvogelkopf. Da war es naheliegend, verschiedene Harpyien mit verschiedenen Aufgaben zu kreieren.

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Tintenmeer: Lucies Aufgabe als Harpyie bereitet ihr immer wieder große Qualen. Die Idee, verstorbene Kinder zu begleiten, jagt einem immer wieder einen neuen Schauer über den Rücken – trotz der Aussicht, ihnen ein neues Leben zu bringen. Sind Sie beim Schreiben manchmal an Ihre eigenen Grenzen gestoßen?

Daniela Ohms: Ich habe selbst zwei Kinder und der Gedanke, dass eines von ihnen sterben könnte, ist eine Grenze, vor der es wohl jede Mutter grault. Ich habe in meinem Buch schon einige dunkle Bilder heraufbeschworen, die mir selbst arge Herzklopfen bereiten. Vor allem aber auch deshalb, weil es teilweise welche waren, von denen ich mal gehört habe und die mir nicht mehr aus dem Kopf gingen.

An meine Grenze stoße ich meistens, wenn ich von solchen Dingen in den Nachrichten erfahre. Wenn ich darüber schreibe, ist es eher so, dass ich hinter diese Grenze blicke und anschließend gelassener mit ihr umgehen kann. Ich glaube, seitdem ich dieses Buch geschrieben habe, habe ich ein kleines bisschen weniger Angst vor dem Tod.

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Tintenmeer: Die Themen Tod und Wiedergeburt sind sehr zentral. Haben Sie hierzu viel recherchiert? Was waren Ihre Anlaufstellen? Hat das Schreiben hier Ihre eigenen Ideen und Gedanken zum Thema verändert?

Daniela Ohms: Ich wollte mich beim Schreiben bewusst nicht an vorhandenen Religionen oder esoterischen Theorien orientieren. Deshalb habe ich zum Thema Tod eigentlich recht wenig recherchiert. Es gibt ja auch nichts, was wir wirklich sicher über den Tod wissen und alles, was darüber bislang gesagt oder geschrieben wurde, sind ja im Grunde auch nur die Theorien anderer Leute.

Ich habe mich vielmehr darauf konzentriert, meine eigenen Gedanken und Ideen zu dem Thema in eine logische Struktur zu bringen. Ich wollte einen Kreislauf erfinden, der einerseits von Wiedergeburt ausgeht, andererseits aber auch die Logiklücken schließt, die bei dem Thema aufkommen: Zum Beispiel die Frage, woher die neuen Seelen in einer wachsenden Menschheit kommen. Oder was passiert, wenn plötzlich sehr viele Menschen sterben, beispielsweise in einem Krieg, während gleichzeitig aber vergleichsweise wenige geboren werden. Daraus ist ein ziemlich komplexer Kreislauf geworden, aber weniger komplex hätte es nicht funktioniert.

Das Schreiben hat meine Gedanken zu dem Thema also nicht wirklich verändert, es hat sie aber geordnet und neue Aspekte hinzugefügt, so dass ich sie jetzt selbst besser durchschaue.

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Tintenmeer: Im Buch herrscht häufig eine unheimliche Atmosphäre. Hatten Sie während der Entstehung das Buchs auch das ein oder andere unheimliche Erlebnis?

Daniela Ohms: Oh ja, unheimlich wird es dann, wenn mir die Recherche plötzlich scheinbare Beweise für etwas liefert, was ich mir vorher ausgedacht habe.

Zum Beispiel die Misteln im olympischen Dorf. Welche genaue Rolle die Misteln im Buch spielen, will ich jetzt nicht unnötig vorweg nehmen, also hier eine vereinfachte Variante: Ich hatte mir etwas ausgedacht, was zur Folge hat, dass an einem Ort, an dem es viele Geister gibt, auch viele Misteln in den Bäumen wachsen.

Parallel dazu hatte ich mir das Olympische Dorf im Internet als Geisterdorf herausgesucht. Als ich dann zum ersten Mal in das olympische Dorf kam, hingen dort alle Bäume über und über voll mit Misteln. Das fand ich sehr gruselig, weil es mir wie ein Beweis erschien, dass die Geister auch dort sind.

Eine zweite unheimliche Begegnung war die mit dem Habicht. Ich wollte gerade herausfinden, ob es im Berliner Innenstadtgebiet Greifvögel gibt, da habe ich ein sonderbares Mauzen aus unserem Kreuzberger Innenhof gehört, das für mich zunächst nach einer Babykatze klang. Als ich aus dem Fenster sah, flog ein schreiender Greifvogel mit einer gerissenen Taube in den Krallen an mir vorbei. Er saß eine ganze Weile im Baum unter meinem Fenster, hat von seiner Taube gefressen und mich mit seinen goldenen Augen angesehen, als wollte er mir sagen: „Siehst du, es gibt uns.“

Später habe ich herausgefunden, dass es ein Habicht gewesen ist und dass diese Tiere sich sehr versteckt halten und nur selten schreien. Tatsächlich habe ich davor und danach nie wieder einen Habicht in Kreuzberg gesehen oder gehört.

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Tintenmeer: Was ist das Besondere an „Harpyienblut“ gegenüber anderen Fantasy-Büchern?

Daniela Ohms: Ich denke, das ist die Anbindung an die Realität. In vielen Fantasybüchern stellt sich sehr schnell heraus, dass die Figuren irgendeine besondere Art Kreatur sind. Diese Tatsache wird kaum hinterfragt und dann konzentriert sich das Buch auf ein großes Abenteuer oder eine schicksalhafte Liebesgeschichte.

Bei Harpyienblut geht es vor allem darum, dass die Protagonisten lernen, ihr Anderssein zu akzeptieren und einen Weg zu finden, trotz einer furchtbaren Bürde ein lebenswertes Leben zu führen. Das ist weitaus ernster und soll den Leser nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken bringen. Dabei versuche ich immer, die Geschehnisse so real wie möglich zu erklären, so dass im Idealfall die Illusion entsteht, dass das alles wirklich so sein könnte.

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Fortsetzung folgt … ;)

Die Rezension zum Buch findet ihr HIER!


 

Infos zum Buch:

Daniela Ohms
Harpyienblut

Seiten: 432
ISBN: 978-3-86265-137-5

Preis: 16,95 € [D]

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