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{Rezension} Wenn der Sommer endet von Moira Fowley-Doyle

Einmal im Jahr wird die Familie der 17-jährigen Cara von der „dunklen Zeit“ (engl. Titel: The Accident Season) heimgesucht. So nennen sie jene paar Wochen im Oktober, in denen den Familienmitgliedern häufig Unfälle widerfahren – und manchmal gibt es auch Tote. Caras Freundin Bea prophezeit, dass es in diesem Jahr besonders schlimm werden könnte. Aber der Fluch, der auf der Familie zu liegen scheint, ist nicht das einzige Merkwürdige. Cara entdeckt, dass sich Elsie, ein Mädchen aus ihrer Schule, anscheinend auf jedem einzelnen ihre Fotos befindet – seit Jahren. Fragen kann sie Elsie aber nicht, denn sie ist verschwunden. Während sich nun also die dunkle Zeit austobt, macht sich Cara mit Schwester Alice, Stiefbruder Sam und Freundin Bea auf die Suche nach Elsie.

Cover Wenn der Sommer endet Moira Fowley-DoyleMit dem Klappentexter hätte ich nicht tauschen wollen, selbst diese kleine Zusammenfassung fiel mir schon schwer, denn die Ereignisse in „Wenn der Sommer endet“ sind schwer zu fassen. Schnell scheinen in der Geschichte Realität und Traum miteinander zu verschwimmen. Liest man hier eine realistische Geschichte? Tut sich gleich eine Fantasywelt auf? Haben die Protagonisten möglicherweise psychische Probleme? Ist die Erzählerin Cara schizophren? Alles Fragen, die bei mir während des Lesens auftauchten, denn in eine Schublade einordnen ließ sich das Ganze hier nicht. Und das machte für mich auch den besonderen Reiz aus. Es war so spannend, diese Geschichte zu lesen und die ganze Zeit nicht erkennen zu können, wohin sie führen würde und ob es einen doppelten Boden gibt oder nicht. Für mich waren es weniger die einzelnen Ereignisse, als viel mehr die Gesamtkomposition der Geschichte, die das Besondere und die Spannung ausmachten.

Zu dieser Gesamtkomposition hat auch die Atmosphäre im Buch beigetragen, die mir besonders gut gefiel. Sie schwankt für mich ebenso wie die Realitätsebenen, vermischt mysteriöse, beängstigende, ja düstere Momente mit der Leichtigkeit, die den jugendlichen Protagonisten eigen sind. Sie wollen leben, Spaß haben, sich nicht fürchten, trinken, lachen, Party machen. Aber diesem mysteriösen Fluch können sie nicht entkommen. Immer wieder bricht er ein – in Form von Erinnerungen an schlimme Ereignisse in der Vergangenheit, die Handlungen der Mutter, die versucht, möglichst viel Sicherheit zu schaffen, oder durch die Unfälle selbst, die immer wieder geschehen. Auch der Faden um die verschwundene Mitschülerin Elsie macht die Geschichte immer unheimlicher. Je mehr die vier Protagonisten versuchen, sie zu finden, desto unsichtbarer scheint sie zu werden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Cara. Ich-Erzählung und Präsens sind nicht gerade meine erste Wahl. Allerdings hat die Autorin Moira Fowley-Doyle ihre sympathische Erzählerin mit einem klugen, teilweise sehr poetischen Stil ausgestattet, der auch der Vielschichtigkeit des Erzählten gerecht werden konnte. Und je komplexer die Geschichte wird, desto mehr Tiefe bekommen auch die Figuren. Für mich geschah das beim Lesen fast unmerklich. Die Autorin zieht immer mehr Ebenen ein, bis am Ende plötzlich so ein komplexes Gebilde vor einem steht und man sich fragt, wo das auf einmal hergekommen ist. „Wenn der Sommer endet“ ist definitiv ein Buch, das man mehrmals lesen kann und vielleicht auch sollte. Sicher kann man beim zweiten Mal viele Spuren und Aspekte verstehen, die beim ersten Mal überlesen wurden.

Apropos Ende. In dieser Rezension habe ich mir größte Mühe gegeben, nichts zu spoilern, was gar nicht so einfach war. Aber zum Ende des Buchs wollte ich gern noch sagen: Das hat mich wirklich geflasht! Geradezu umgehauen. Ich habe zwar ganz leise immer mal geahnt, dass so was in der Richtung kommen könnte, aber eigentlich war ich die ganze Zeit so mit der Story beschäftigt, dass ich darüber nicht weiter nachgedacht habe. Kompliment an die Autorin! Sie kann auf jeden Fall super Spuren legen und gleich wieder verwischen!

Fazit

„Wenn der Sommer endet“ von Moira Fowley-Doyle ist eines meiner Highlights 2016. Auch wenn die einzelnen Ereignisse der Geschichte meistens nicht so spektakulär sind, ergeben sie eine sehr spannende Gesamtkomposition, in der sich Realität und Fantasie vermischen. Die Atmosphäre ist meist sehr düster, wird aber von leichten und auch romantischen Momenten aus dem Leben der jugendlichen Protagonisten unterbrochen. Der Erzählstil ist wunderschön, bildhaft, poetisch. Dies hier ist eines der Bücher, die man definitiv beachten sollte. Es ist nicht nur etwas für Jugendliche, auch Erwachsene werden hierin eine anspruchsvolle Lektüre finden.

Bewertung

Moira Fowley-Doyle: Wenn der Sommer endet | 316 Seiten | cbt Verlag | 978-3-570-16407-5 | 16,99 Euro

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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3 Kommentare

  • Antwort Sabine 19. Juli 2016 at 22:01

    Hui, jetzt bin ich wirklich neugierig geworden! Die Leseprobe liest sich schon sehr spannend, und mir gefällt auch die Sprache. Merke ich mir vor, danke für den Tipp :)

    Liebe Grüße
    Sabine

    • Antwort Sandy 19. Juli 2016 at 22:03

      Hallo Sabine! Freut mich, dass ich dich inspirieren konnte. :) LG Sandy

  • Antwort {Lese-Logbuch} Sandys Juli - Tintenmeer 11. August 2016 at 7:01

    […] Buch, dass auch super zur Challenge gepasst hat – aber die lief da ja noch nicht. Es geht um „Wenn der Sommer endet“ von Moira Fowley-Doyle. Wow, was für ein Name! Ich finde den echt großartig – auch wenn ich immer wieder aufs Buch […]

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