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{Rezension} Lost Boy von Johannes Groschupf

Verloren in den Tunneln des Vergessens: Als Lennart nachts im Hamburger Hauptbahnhof erwacht, weiß er weder wo er ist, noch wer er ist oder warum er hier ist. Nur mit dem Foto eines ihm unbekannten Mädchens in der Tasche macht er sich auf die Suche nach seiner Identität und seiner scheinbar verlorenen Liebe. Seine Reise führt ihn tief in die Clubszene Berlins und bringt ihn seiner Vergangenheit immer näher. Nach und nach findet Lennart heraus, dass er den musikalischen Manipulationen des charismatischen, aber gefährlichen DJs Bulgur verfallen ist. Wird Lennart sich retten können? Der neue Roman vom Autor von „Lost Places“. (Klappentext)

Rezension

Puh … Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, denn es gab einfach zu viele Baustellen und Ungereimtheiten in „Lost Boy“. Lediglich das Cover hat mich überzeugt, denn es strahlt eine unglaubliche Atmosphäre aus, Wahnsinn! Leider konnte die Geschichte dem nicht gerecht werden …

Lesen wollte ich das Buch unbedingt, denn ich habe „Der Zorn des Lammes“ von Johannes Groschupf geliebt! <3 Diese faszinierende, abgründige und schonungslose Stalker-Psycho-Geschichte hat mich förmlich umgehauen. Sie war perfekt geschrieben, kein Wort zu wenig und keins zu viel, schockierend, aufwühlend, authentisch und sehr sehr lesenswert! Deshalb musste sein neuestes Werk unbedingt bei mir einziehen. Aber irgendwie wünsche ich mir gerade, dass ich eine Rezension zu „Der Zorn des Lammes“ schreiben könnte, anstatt zu „Lost Boy“. Aber es hilft ja alles nichts, da müssen wir jetzt gemeinsam durch …

Gleich am Anfang hatte ich Probleme, in die Story hineinzufinden. Der Schreibstil war einfach nicht mein Fall. Zu oberflächlich und abgehackt und auch etwas lieblos. Ich konnte mich nicht in unseren Protagonisten mit der Amnesie, Lennart, hineinversetzen. Sein Inneres, seine Gefühle und Gedanken blieben mir fern, weil sie nicht stark genug ausgeleuchtet wurden. Zuerst dachte ich: „Okay, der Arme hat sein Gedächtnis verloren und muss sich erstmal selbst finden, also gib ihm eine Chance.“ Aber auch als er seine Erinnerungen wiedererlangte, wurde es nicht besser …

Als der Protagonist dann endlich von Hamburg nach Berlin reist, um sich seiner rätselhaften Vergangenheit zu stellen, hatte ich mich richtig darauf gefreut, dass ordentlich Schwung in die Story kommt. Aber dem war nicht so. Leider konnte auch keiner der anderen Charaktere meine nähere Aufmerksamkeit wecken. Sie blieben alle unecht und farblos.

Hinzu kommt, dass Lennart sich in gleich zwei Mädchen verguckt, Jule aus Hamburg und seine alte Freundin Moe aus Berlin. Romantik wollte aber nicht aufkommen, da Lennart keinerlei Anstalten macht, sich für eine der beiden zu entscheiden oder den nächsten Schritt bewusst zu tun. Es passiert einfach irgendwie im Laufe der Zeit, weil es halt so vorgesehen ist … Das war enttäuschend und machte ihn mir nicht gerade sympathischer.

Ein Wort zum Bösewicht der Geschichte, Bulgur (nein, keine Sorge, das ist kein Spoiler, wird er doch schon im Klappentext erwähnt). Er ist DJ aus Leidenschaft und soll eigentlich bedrohlich wirken, mit seiner düsteren Ausstrahlung, seiner Macht, seinen Hintermännern und seinem (angeblichen) Charisma. In meinen (und sogar Lennarts) Augen wirkt er eher lächerlich und wie ein selbstgerechter Schwätzer, der nichts Spannendes zu erzählen hat. Gruselfaktor gleich null!

Kommen wir zum Schreibstil, für mich immer ein sehr wichtiger Punkt, weil er eine Verbindung zu mir aufbauen muss, damit mir das Buch gefällt. Diese Verbindung, diese Brücke hat Johannes Groschupf hier leider nicht geschlagen. Er erzählt flüssig und jugendlich, das fand ich nicht schlecht und auch einige Beschreibungen von Berlin (meiner Hauptstadt) mochte ich. Aber es wirkt alles etwas leblos und fad, da viele detaillierte Beschreibungen der Gefühle, Umgebung, Personen etc. fehlen.

Dafür wird es an anderer Stelle, nämlich der Beschreibung von Musik, zu detailliert. An sich fand ich es gut und zu Anfang auch faszinierend, wie hier elektronische Musik und verschiedene Töne aus dem Leben eine Symphonie des Schreckens bilden, die einen großen Einfluss auf die Tanzenden hat, aber mit der Zeit wurden die detaillierten Beschreibungen der Sounds zu viel und zu lang und haben meine Vorstellungskraft nicht angeregt.

Manchmal hatte ich das Gefühl, ich war die falsche Zielgruppe für das Buch, obwohl ich ja gern im Jugendbuchbereich unterwegs bin. In „Lost Boy“ reden die Charaktere oft aneinander vorbei und betont cool und jugendlich. Beispielsweise sagt Lennart im Dialog „chill mal“ zu jemandem. Das mag ja auf der Höhe der Zeit sein, trifft aber so gar nicht meinen Geschmack und ich lese sowas nicht gern in Büchern. Die Jugendsprache wirkt dadurch eher lächerlich und gewollt.Rezension | Lost Boy | Johannes Groschupf | Thriller | Hamburg | Berlin | Lost Places | tintenmeer.de

Um auch mal etwas Positives anzumerken: Die Grundidee der Story fand ich sehr interessant. Es geht um die berauschende und auch gefährliche Wirkung von Musik. Wie wirkt sie auf die Tanzenden und wie kann man diese für seine Zwecke missbrauchen? Wirklich mal etwas Neues und Ungewöhnliches in einem Jugendthriller.

Stichwort Thriller: Ich fand die Thrilleranteile sehr gering gestreut. Da hätte ich mir viel mehr Spannung und Action gewünscht. Es gab keine großartigen Geheimnisse, kein Miträtseln, keinen dicht gewebten Plot, kurz gesagt: Das „Thrill-Gefühl“ fehlte.

Größtenteils fand ich die Handlung auch unglaubwürdig, ich meine: Wo sind eigentlich die Erwachsenen und die Polizei, wenn man sie mal braucht? Die wurden komplett ausgeblendet (bis auf eine winzige Randbemerkung zur Polizei). Lennarts Eltern kommen nur einmal kurz vor und sind nicht mal sonderlich überrascht oder ergriffen, als er wieder vor ihrer Tür steht. Sie zeigen keinerlei Emotionen, sagen nur, er hätte ja mal anrufen können. Äh, ja … o.O

Es tut mir leid, das so deutlich zu sagen, aber die Charaktere laufen, stehen und quatschen die ganze Zeit nur sinnlos in der Gegend rum, ohne Nachzudenken und ohne Plan. Sie lassen sich durch die Story treiben wie tote Fische im Wasser. Mich beschlich das Gefühl, der Autor hätte es sich zu leicht gemacht, so nach dem Motto: „Füll die Lücken selbst lieber Leser“ und „Denk dir  den Rest“. Die meisten Szenen und Kapitel enden nämlich sehr abrupt und man kriegt lediglich einen kurzen Satz vor die Füße geworfen, den man sich selbst weiterdenken kann. Von dieser Art zu erzählen bin ich einfach kein Fan, das hat mich auch schon in einigen anderen Jugendbüchern gestört.

Vielleicht ist mir aber auch etwas Wichtiges entgangen, weil ich den Vorgänger „Lost Places“ nicht gelesen habe? „Lost Boy“ ist wohl eine (recht lose) Fortsetzung dazu. Dadurch fehlte mir wahrscheinich Hintergrundwissen zu den Charakteren, deren Beziehungen untereinander und den vorangegangenen Ereignissen. Das Ende war soweit zufriedenstellend, wenn auch ein bisschen abgehackt und zu einfach, weill alles zu glatt geht. Eine Art Fortsetzung folgt dann im September mit „Lost Girl“. Ich weiß aber nicht, inwiefern sie an „Lost Boy“ anknüpfen wird und verstehe es eher so, dass sie eigenständig sein soll.

Puh. Diese Rezension zu schreiben, fiel mir wirklich schwer und wäre das Buch kein Rezensionsexemplar gewesen, hätte ich es wohl nach kurzer Zeit abgebrochen und nicht viele Worte darüber verloren. Aber was muss, das muss. Zu Anfang (und auch in der Mitte ^^) hoffte ich noch auf Besserung, auf DEN Knall, DIE Überraschung, DIE Wendung, DEN Aha-Effekt, aber leider, leider hoffte ich vergebens … Am Ende bleibe ich bedauernd und traurig zurück, weil der Autor es definitiv besser kann! Nur bei „Lost Boy“ und mir wollte es auf gar keiner Ebene funken …

Fazit

Puh, das war eine schwere Geburt, die Rezension ist quasi im Geburtskanal stecken geblieben und musste mit der Saugglocke geholt werden. :D

Ich mochte lediglich die Grundidee mit den „Lost Places“ und der gefährlichen Wirkung von Musik, der Rest konnte mich leider nicht erreichen. Da ich keinerlei Gefühl für die Figuren bekam, habe ich die Geschichte nur teilnahmslos und eher gelangweilt verfolgt. Auch die Handlungen der Charaktere konnte ich nicht nachvollziehen. Am Ende bleiben nur viele Fragezeichen in meinem Kopf zurück …

Zur Ehrenrettung des Autors muss ich aber sagen: Lest bitte alle „Der Zorn des Lammes“! Es ist eine verdammt beeindruckende und ungeschönt-knallharte Stalker-Geschichte – maximal lesenswert! (Meine Meinung zu Der Zorn des Lammes) <3 Deshalb tut es mir auch selbst etwas weh, dass mich „Lost Boy“ nicht erreicht hat. Denn ich weiß, dass der Autor es eigentlich kann, es wirklich WIRKLCH draufhat und dann sowas …

Bewertung

Johannes Groschupf: Lost Boy | Oetinger Verlag | 240 Seiten | ISBN: 978-3841504470 | 12,99 Euro

Vielen Dank an die Verlagsgruppe Oetinger für das Rezensionsexemplar!

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4 Kommentare

  • Antwort Sani Hachidori 28. April 2017 at 9:14

    Schade, es klang wirklich nach Potenzial. :(

    • Antwort Kristina 28. April 2017 at 12:03

      Ja fand ich auch! Die Ideen mit den Lost Places, dem Gedächtnisverlust und der Musiksache waren wirklich cool, aber leider nicht gut umgesetzt… :(

  • Antwort Medea 28. April 2017 at 23:35

    Oh, ich habe mir heute das Buch gekauft :D Aber ja… mal schauen, wie es wird. Schade, dass es dir nicht gefallen hat. Ich habe mir das Buch aber um ehrlich zu sein wegen dem Namen des Protagonisten ausgesucht. Weil ein Bekannter von mir heißt so :D Naja. Ist vielleicht (sicher) ein bescheuerter Grund, ein Buch zu kaufen :)
    LG, Medea

    • Antwort Kristina 1. Mai 2017 at 21:44

      Haha. xD Das ist ja auch mal ein guter Grund, nen Buch zu kaufen (hab ich auch noch nie gehört) … ^^ Dann drücke ich die Daumen, dass es dir besser gefällt. ;)

      Liebe Grüße zurück!

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