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{Rezension} Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen

„Die kleine Meerjungfrau“ gehört zu den bekanntesten Märchen von Hans Christian Andersen. Seit seinem Erscheinen 1837 hat es viele Dichter, Musiker und Filmemacher zu eigenen Werken über die Wasserwesen inspiriert. Andersen selbst war vertraut mit den vielen Märchen und Sagen über Selkies, Nymphen und Sirenen und kannte „Undine“ von Friedrich da la Motte Fouqué. Mit dem Ende von Undine war er aber nicht einverstanden und entschied sich für einen anderen Weg. Die Möglichkeit, eine unsterbliche Seele zu erhalten, sollte Andersen zufolge nicht an so etwas Willkürlichem hängen wie der Liebe eines Menschen. Und so unterscheidet sich das Märchen in seinen Motiven und seinem Ende gravierend von mancher modernen Interpretation. Diese halten die Geschichte aber in der Erinnerung und inspirieren dazu, sich auch einmal mit der ursprünglichen Geschichte zu beschäftigen.

Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blütenblätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas.

Die kleine Meerjungfrau, die jüngste Tochter des Meerkönigs, sehnt sich nach der Welt der Menschen, obwohl sie sie nur aus Geschichten kennt. Sie ist ein stilles und nachdenkliches Kind und damit anders als ihre Schwestern. Diese sind zwar auch neugierig auf die Meeresoberfläche, an die sie mit fünfzehn Jahren schwimmen dürfen, doch kennen sie diese große Sehnsucht nicht. Der Reiz des Neuen verschwindet für sie auch schnell wieder und sie bleiben lieber zu Hause unter Wasser. Als die kleine Meerjungfrau fünfzehn wird, darf auch sie an die Oberfläche, doch statt kleiner wird ihre Sehnsucht nach der Menschenwelt und nach einer unsterblichen Seele größer.

Die Matrosen tanzten auf dem Deck, und als der junge Prinz heraustrat, stiegen über hundert Raketen in die Luft empor, die leuchteten wie der klare Tag, so dass die kleine Seejungfer ganz erschreckt ins Wasser niedertauchte. Aber sie steckte den Kopf bald wieder hervor und da war es, als ob alle Sterne des Himmels auf sie herniederfielen.

Spätestens seit dem Disney-Film – den ich übrigens auch liebe, seit ich ein kleines Mädchen war – kennt wohl jedes Kind die kleine Meerjungfrau. Zumindest in dieser rosaroten Version des Märchens. Die Originalgeschichte ist aber weit düsterer und dramatischer und daher auch für erwachsene Leser absolut einen Blick wert.

Der Schreibstil von Hans Christian Andersen ist heute vielleicht ein klein bisschen antiquiert, aber trotzdem wunderschön, klangvoll und sehr bildhaft. Er haucht der fremden Unterwasserwelt mit malerischer Sprache Leben ein. Dank vieler Vergleiche mit bekannten Dingen aus „unserer“ Welt lässt er das Königreich unter Wasser vor den Augen des Lesers entstehen. Hin und wieder spielt er kritisch auf gesellschaftliche Konventionen seiner Zeit an, die für Kinder heute sicherlich etwas erklärungsbedürftig sind.

Die neue Ausgabe dieses Kunstmärchens aus dem Wunderhaus Verlag schmücken die wahnsinnig schönen Illustrationen von Anton Lomaev (St. Petersburg). Seine Bilder sind geradezu opulent und detailverliebt. Eine Unmenge an Meerestieren und -pflanzen lassen die Welt der kleinen Meerjungfrau lebendig werden. Besonders gefällt mir die intensive Kraft und Dynamik, die in den Bildern stecken. Diese Art zu zeichnen macht den Eindruck, als wäre alles in Bewegung, als wäre das Bild nur für die eine Sekunde eingefroren, in der man es betrachtet, und würde danach einfach weiterlaufen wie ein Film. Man kann das Wasser, die Kirchenglocken, das Möwengeschrei, das Feuerwerk geradezu hören. Denn dieser zeichnerische Schwung verbunden mit den bildhaften Worten Andersens lassen die Geschichte beim Lesen wirklich zum Leben erwachen – und machen das Buch zu einem wunderbaren Lese-Erlebnis. (Tipp: Wer sich für die Illustrationen in dem Buch interessiert, sollte mal hier vorbeischauen: Blick in die russische Buchausgabe)

Die kleine Seejungfer stand in Gold und Seide gekleidet und hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren hörten nichts von der festlichen Musik, ihre Augen sahen nicht die heilige Zeremonie. Sie dachte an ihre Todesnacht und an alles, was sie in dieser Welt verlor.

Etwas Besonderes ist auch das ziemlich große Format des Buches. Der Nachteil ist, dass es ins Standard-Billy-Bücherregal nicht reinpasst (zu hoch). Der Vorteil aber ist, dass die Bilder so richtig schön zur Geltung kommen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass es das Format für kleine Leser bzw. Zuhörer sehr einfach macht, richtig in die Geschichte einzutauchen – es ist quasi wie Kino statt Fernseher, bloß in Buchform. ;)

Fazit

„Die kleine Meerjungfrau“ von Hans Christian Andersen aus dem Wunderhaus Verlag ist ein richtiger Buchschatz – ein Must Have im Bücherregal von Klein und Groß! Denn Andersens bildhafte Worte und Lomaevs großartige und opulente Zeichnungen verbinden sich zu einem ganz besonderen Lese-Erlebnis. Liebhaber von Märchen und außergewöhnlich schönen Büchern sollten hier einen Blick hineinwerfen – und auch diejenigen, die „Die kleine Meerjungfrau“ im Original noch nicht kennen!

Bewertung

Andersen: Die kleine Meerjungfrau | Wunderhaus Verlag | 44 Seiten | Hardcover |245 x 305 mm | ISBN 978-3-946693-01-7 | 14,98 Euro

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Vielen Dank an den Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplars.

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5 Kommentare

  • Antwort Sani Hachidori 16. Mai 2017 at 10:01

    Was für eine wunderschöne Ausgabe! Da bin ich fast versucht, es noch einmal zu kaufen, obwohl ich sein Gesamtwerk besitze… *seufz*

    • Antwort Sandy 17. Mai 2017 at 18:24

      Ich habe auch einiges doppelt und dreifach … es gibt einfach immer wieder so schöne Ausgaben von Büchern <3

  • Antwort Ladysmartypants 16. Mai 2017 at 15:18

    Wow, die Ausgabe ist ja traumhaft 😍
    Ich hab zwar noch nie die „erwachsene“ Version des Märchens gelesen, aber ich wusste schon, dass Disney einiges beschönigt hat – klar bei einem „Kinderfilm“.
    Danke für den wundervollen Einblick in dieses Märchen, du hast mir wirklich Lust auf eine märchenhafte Lektüre gemacht.

    Liebste Grüße & eine schöne Woche,
    Smarty

    • Antwort Sandy 17. Mai 2017 at 18:56

      Hallo Smarty,

      das freut mich. :) Es ist auch eine tolle Geschichte, die trotz allem übrigens ein gutes Ende findet – aber eben auf die typische Andersen-Art.

      LG
      Sandy

  • Antwort Fina 18. Mai 2017 at 23:16

    Was für eine tolle Rezi :) Ich bin mit Geschichten dieser Art ebenso aufgewachsen und es ist herrlich, was für schöne Erinnerungen man damit immer noch verbinden kann- vor allem, wenn die neueren Ausgaben so wunderhübsch aufgemacht sind :)

    Habe euren Blog gerade entdeckt und musste euch sofort bei mir verlinken, ihr könnt wirklich stolz auf euren wunderschönen Blog sein- ich fühle mich sehr wohl bei euch ^^

    Viele Grüße
    Fina

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