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{Rezension} Henriette und der Traumdieb von Akram El-Bahay

Wenn man morgens aufwacht und sich beim besten Willen nicht mehr an den Traum der letzten Nacht erinnert, kann das ganz schön frustrierend sein. Vor allem wenn man ganz genau weiß, dass man etwas geträumt hat. Dieses Gefühl kennt die 13-jährige Henriette eigentlich nicht, denn im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen, kann sie sich immer an ihre Träume erinnern. Zumindest bis zu einer Nacht im November, in der ein dreister Dieb ihren Traum stiehlt. Das kann sie nicht auf sich sitzen lassen und so begibt sich Henriette auf eine turbulente Reise durch die Tiefen ihrer Traumwelt.

Und in der Nacht, die nun anbrach, verirrte sich Henriette auf eine dieser gefährlichen Straßen. (Kap.1)

Ein typischer Tag im November …

Akram El-Bahays Geschichte um die gestohlenen Träume beginnt an einem dieser typischen verregneten Novembertage. Henriette und ihr Zwillingsbruder Nick machen Urlaub bei ihrer Oma und im Wohnhaus herrscht Aufregung, denn Herr Punktatum, einer der beiden Besitzer der Buchhandlung Anobium & Punktatum, ist gestorben. Die beiden kleinen Protagonisten zeigen sich gleich von ihrer besten Seite und fangen an zu rätseln, was mit dem netten Herrn wohl geschehen sein könnte, der doch am Tag zuvor noch ganz lebendig war. Da hat er nämlich ein geheimnisvolles Päckchen bekommen. Na, wenn das mal nicht ein Grund ist, um ermordet zu werden!

Mit diesem kleinen Krimi-Einstieg hat der Autor einen so wunderbar atmosphärischen und fesselnden Weg in die Geschichte „Henriette und der Traumdieb“ gewählt, dass ich meiner Reader gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. So muss das sein, vor allem in einem Kinderbuch. Gleich ein Knaller zu Beginn und schon hat man die kleinen und großen Leser an der Angel! Zum Glück geht die Handlung ebenso spannend und mysteriös weiter, wie sie begonnen hat. Denn nun schlägt der hinterhältige Traumdieb bei Henriette zu, die doch das Talent hat, sich an alle ihre Träume zu erinnern – zumindest an die, die ihr nicht gestohlen wurden.

Dort roch es nach altem Papier, verstaubt und von der Sonne verblichen, und nach dicken Ledereinbänden, die die Geschichten in ihrem Inneren vor der Zeit schützten wie eine Rüstung einen Ritter. (Kap.1)

Skurril und liebenswert

Mit diesem fiesen Verbrechen werden Henriettes Träume fortan zu einem sehr wandelbaren Handlungsort der Geschichte. Hier erschafft der Autor teils fantasievolle, teil skurrile Welten, in denen alles möglich erscheint. Ganz besonders gefallen hat mir hierbei, dass man es beim Lesen auch spürt, wenn die Kinder träumen. Denn dann geht nicht mehr alles mit rechten Dingen zu und die Wahrnehmung verändert sich, wie man das aus seinen eigenen Träumen kennt. Natürlich sind die Traumlandschaften nicht leer, sondern mit allerhand liebenswerten und seltsamen Wesen bevölkert. Auch die düsteren, gruseligen Gestalten fehlten nicht. Und weil ich es persönlich gern etwas schauriger mag, war der Traum vom Nachtschattenwald, in dem die Albträume leben, für mich der spannendste. Aber keine Sorge! Der Grusel hält sich in Grenzen und ist angemessen für die angestrebte Leserschaft ab 11 Jahren.

Henriette lauschte in den Albtraumwald hinein. Zuerst hörte sie nichts. Dann vernahm sie ein leises Jammern. (Kap.11)

Henriette und Nick sind zwei ganz liebenswerte Protagonisten, die sich auch verhalten wie Kinder. Sie sind wahnsinnig neugierig und abenteuerlustig. Sie lieben Kakao – vor allem den von Herrn Anobium, der ihnen bei den Ermittlungen um den Traumdieb mit Rat zur Seite steht. Sie fürchten sich, überwinden ihre Ängste und versuchen, immer das Richtige zu tun. Aus diesem Bestreben entstehen auch Twists in der Handlung, die immer wieder Überraschungen bereithält und ganz und gar nicht schwarz und weiß ist. Auch die Gegenspieler sind nicht eindimensional und ihre Handlungen werden begründet, was eine wirklich gute Botschaft für ein Kinderbuch ist.

Wunderschön geschrieben

Rezension | Henriette und der Traumdieb | Akram El-Bahay | Kinderbuch | Mädchen | Flammenwüste | Orient | Fantasy | Träume | Ueberreuter | tintenmeer.deDer Schreibstil von Akram El-Bahay ist einer der schönsten, den ich bisher in einem Kinderbuch gelesen habe! Er schreibt so atmosphärisch, lebendig und bildhaft, schafft so ein großartiges Kopfkino, dass ich mich sofort an jedem der beschriebenen Ort  wiedergefunden habe – sei es im düsteren Herzen des Nachtschattenwaldes, zwischen den staubigen Büchern von Anobium & Punktatum oder im heißen Dünenmeer der Wüste – klar, ein bisschen orientalisches Flair darf bei diesem Autor mit ägyptischen Wurzeln natürlich auch in Henriettes Traumwelt nicht fehlen!

Eingewoben in diese wunderschönen Worte hat der Autor nicht nur ein abenteuerliches und oft humorvolles Geschehen. Er hat auch hier und da ein paar besonders schöne Botschaften versteckt, womit er der Geschichte eine gewisse Tiefe verleiht. Zwischen den fesselnden Momenten finden sich so auch kleine nachdenkliche Passagen über das Erwachsenwerden, die erste Liebe, Toleranz und auch über Verlust und Abschied. Das macht dieses Kinderbuch nicht nur äußerlich zu einem kleinen Schatz, es vermittelt den jungen Lesern gleichsam innere Werte.

Und eines habe ich gelernt. Das Leben zeichnet jeden von uns. (Kap.17)

Fazit

Wer ein abenteuerliches und fantasievolles Kinderbuch sucht, das zudem noch ein paar schöne Botschaften für die kleinen Leser bereithält, ist bei „Henriette und der Traumdieb“ von Akram El-Bahay genau richtig. Ein Bonbon oben drauf ist der traumhaft schöne Schreibstil. Wenn dieses Buch nicht die Liebe zum Lesen weckt, welches denn da?

Bewertung

El-Bahay, Akram: Henriette und der Traumdieb | Ueberreuter Verlag | 400 Seiten | ISBN: 978-3-7641-5112-6 | 14,95 Euro

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