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{Rezension} Drúdir von Swantje Niemann

Ein neues Zeitalter ist angebrochen – aber die dunkle Magie der Vergangenheit kehrt zurück! Dampfkraft und die genialen Maschinen der zwergischen Erfinder haben die Welt unwiderruflich verändert. Magie gilt als Relikt einer Zeit, in der Zauberei und Religion Werkzeuge der Unterdrückung waren. Deshalb ist es dem jungen Uhrmacher Drúdir nahezu unmöglich, seine magische Begabung zu akzeptieren. Doch als sein bester Freund ermordet wird, kann er nicht tatenlos bleiben. Die Suche nach der Wahrheit führt ihn in die unterirdische Seestadt Schwarzspiegel. Dort begegnet er unerwarteten Verbündeten und entdeckt, wie fragil der innere Frieden der neugegründeten Zwergenrepublik ist. Seine Ermittlungen bringen ihn auf die Spur einer Verschwörung, die die Freiheit aller bedroht. Drúdir muss in eine Welt der Geheimnisse, Intrigen und Gewalt eintauchen, um das Unheil abzuwenden … (Klappentext)

Schon als ich angefangen habe, die Geschichte um den zwergischen Uhrmacher Drúdir zu lesen, habe ich gespürt, dass hier etwas wirklich Episches auf mich wartet. Ich musste gleich an J. R. R. Tolkien denken. Nicht wegen der Zwerge und Elfen, eher wegen des früh zu erahnenden epischen Ausmaßes der Geschichte und des Schreibstils.

Mit nicht weniger als sechs Protagonisten wartet die Autorin hier auf, hinzu kommen noch einige Nebencharaktere, denen sie aber nicht minder Aufmerksamkeit schenkt. Von allen Figuren bekommt man schnell ein tieferes Bild vermittelt, ohne dass sich die Autorin in Allgemeinplätzen verliert. Ihre Art, die Figuren einzuführen und zu beschreiben, ist kreativ und zeugt von einer guten Beobachtungsgabe.

Mit ihrer Beschreibungskunst hat Swantje Niemann eine bunte Mischung aus Fantasy und Steampunkt vor meine Augen gezaubert: das Quietschen der Straßenbahnen, das Surren von filigranen Metallkunstwerken, das Tönen uralter Totengesänge klangen mir in den Ohren und vor mir entspann sich eine moderne Welt, unter deren Oberfläche alte Traditionen und Magie pulsierten. Dieser Gegensatz zwischen der sich entwickelnde Technik der Zwerge – von Eisenbahnen über Luftschiffe bis zu recht unzuverlässigen Feuerwaffen – und der immer wieder hereinbrechenden uralten Magie hat mich sehr fasziniert.

Vereint werden diese beiden Elemente in der Figur der Automate – einem intelligenten Maschinenwesen, das nach und nach menschliche Gefühle entwickelt, Fragen stellt, zweifelt und liebt. Mit diesem Strang nimmt die Autorin ein Thema in die Geschichte auf, das ich absolut interessant fand und das viele Fragen aufwirft, die nicht pauschal zu beantworten sind. Es sind moderne philosophische Fragen: Was denkt und fühlt ein Wesen, das zwar intelligent ist, aber letztlich eine humanoide Maschine? In welche Richtung könnte es sich weiterentwickeln? Könnte es menschlicher werden? Und was gehört überhaupt dazu, menschlich zu sein? All das führt folgerichtig zu der Frage: Darf man Gefühle haben für so ein Wesen, das nicht mehr nur eine Maschine ist, aber auch kein richtiger Mensch? Und abgesehen von der Problematik „Mensch oder Maschine“ wirft die Autorin auch die Frage auf: Wie kann man es mit seinem Gewissen vereinen, jemanden zu lieben, der furchtbare Dinge getan hat?

Zwischen großen Themen und Fragestellungen wie dieser wandeln unsere zahlreichen Figuren, entspinnt sich eine wahrhaft komplexe Welt samt umfangreichem politischen System, in welchem es zwischen den einzelnen Zwergen-Parteien hoch hergeht. Lügen, Intrigen, Korruption und Mord lauern an jeder Ecke. Man sieht es schon: Eindimensional ist hier wahrlich gar nichts.

Doch diese Komplexität der Geschichte hatte für mich leider auch eine negative Seite: Sie lässt sich mit dem Wörtchen „Infodump“. Er zog sich wirklich durch das ganze Buch bis zum Ende. Die Autorin weiß schlicht alles über ihre Welt und ihre Figuren, alle Hintergründe, alle Beweggründe, geschichtlichen Ereignisse, Legenden und was es sonst noch so gibt. Grundsätzlich ist das natürlich nicht schlecht. Aber sie hat auch das Bedürfnis, ihren Lesern davon möglichst viel mit auf den Weg zu geben. Das war mir manchmal einfach viel zu viel des Guten und hat der Spannung und Dynamik der Geschichte eher geschadet. Denn selbst dann, wenn es einmal zur Sache geht, werden noch immer tausendundein Ding beschrieben oder plötzlich noch mehr Hintergründe erläutert.

Der Schreibstil hat es mir grundsätzlich sehr gut gefallen. Endlich mal wieder ein Buch, das mit so einem opulenten Stil geschrieben ist! Die Autorin ist wirklich eloquent, beschreibt detail- und bildreich und trotzdem mit einer gewissen Lockerheit, sodass ich meist schnell durch die Zeilen rennen konnte. Doch hier und da schießt sie auch über das Ziel hinaus. Manches wirkt übertrieben kompliziert geschrieben und ein wenig aufgesetzt. Und das hat mich dann doch immer mal wieder in meinem Lauf gebremst, hat mich stolpern lassen. Es ist aber nichts, was ein gutes Lektorat nicht ausbügeln könnte.

Alles in allem hat mir die Geschichte um Drúdir und seine Magie sehr gut gefallen – ebenso wie all die Figuren, die mir die Autorin präsentiert hat. Jeder ist auf seine Weise interessant und jeder hat seine kleinen Geheimnisse, die man nach und nach kennenlernt. Außerdem gibt es eine gewisse Ausgewogenheit zwischen den verschiedenen Erzählperspektiven. Die von Drúdir beispielsweise überwiegt in meinem Empfinden gar nicht, obwohl er der Namensgeber dieser Geschichte ist. Im Gegenteil, ich habe sogar das Gefühl, dass ich vieles von ihm noch gar nicht erfahren habe, obwohl ich doch schon so viel von ihm weiß. Das ist auf jeden Fall eine sehr gute Grundlage für weitere Teile, die es unzweifelhaft geben wird.

Fazit

Der Fantasyroman „Drudir“ von Swantje Niemann ist perfekt für alle, die sich nach einer komplexen und tiefgründigen Geschichte sehnen, die dazu auch noch anspruchsvoll geschrieben ist. Sprachlich schoss für mich die eloquente Autorin hier und da zwar ein klitzekleines bisschen über das Ziel hinaus, aber das ist nichts, das ich ihr nicht verzeihen könnte. Mehr Probleme hatte ich mit der schieren Masse an Beschreibungen und Erklärungen, die die Geschichte ein paar Mal ausbremsen und ihr etwas die Dynamik nehmen. Entschädigt wurde ich dafür aber mit vielen spannenden Themen und interessanten Fragestellungen, die auch selbst zum Nachdenken anregen.

Bewertung

Niemann, Swantje: Drúdir | CreateSpace Independent Publishing Platform | 542 Seiten | 978-1537595405

Das Taschenbuch erscheint am 1. Oktober 2017 im Edition Roter Drache Verlag für 16,95 Euro.

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