Bücherschrank

{Rezension} Die Perfekten von Caroline Brinkmann

„Ich bin Rain. Der Regen. Der Neuanfang.“

Rain ist ein Ghost. Sie lebt außerhalb des Systems. Seit ihrer Geburt ist sie auf der Flucht vor den Gesegneten, einer perfekten Weiterentwicklung der Menschen, die mit eiserner Hand regieren und das Volk unterdrücken. Rain weigert sich jedoch, sich ein Leben lang zu verstecken, und begeht einen fatalen Fehler. Sie bricht die wichtigste Regel der Ghosts: Vertraue niemandem!

Rezension

„Die Perfekten“ war eine meiner heiß erwartetsten Neuerscheinungen 2017! Ich verfolge den schriftstellerischen Weg der lieben Caroline Brinkmann nämlich schon seeeeeeehr lange und habe sie in der Zeit sowohl als Autorin, als auch als Mensch zu schätzen gelernt. Ihr „Einhorn für alle Fälle“ zählt zu den witzigsten Büchern, die ich je gelesen habe und bekam eine begeisterte Rezension von mir spendiert. <3

Klar, dass ich Caros neue Dystopie unbedingt haben musste! Ich fing, kurz nachdem es bei mir einflatterte, euphorisch mit dem Lesen an. Vielleicht zu euphorisch? o.O Denn ich muss zugeben: Anfangs tat ich mich doch einigermaßen schwer mit der Geschichte und saß dann ziemlich lange an diesem 600 Seiten Wälzer. ABER (und das ist ein wirklich dickes ABER): Es hat sich SOWAS VON gelohnt!!! *_* Lasst uns doch mal schauen, was ich alles beim Lesen durchgemacht habe …

Rain, unsere Protagonistin, die als „Ghost“ immer auf der Flucht ist und quasi vom Underdog zur Heldin wird, mochte ich wirklich gern. Ich streifte mit ihr durch die staubigen Straßen von Grey, ließ mich von der Liebe ihrer Mutter umhüllen und mir von ihrer Fuchsmanguste Pi in den Finger beißen. Und natürlich versteckte ich mich mit ihr gemeinsam vor den Wächterdrohnen und schließlich … ach nein, das müsst ihr schon selbst lesen. ;)

Unser zweiter Protagonist ist Lark, der ebenfalls im versmockten Industriezirkel Grey lebt. Seine Familie und vor allem seine kleine, kranke Schwester Rose (die ich sehr ins Herz geschlossen habe) sind ihm das allerwichtigste im Leben. Als er die Chance erhält, eine Ausbildung zum Wächter zu beginnen, ergreift er sie beim Schopf, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen …

Obwohl Lark viele falsche Entscheidungen trifft, konnte ich seine Beweggründe zu jeder Zeit nachvollziehen. Für den Schutz seiner Familie tut er alles, was nötig ist und dafür hatte er meine volle Sympathie – auch wenn einige seiner Taten schlimme Konsequenzen nach sich zogen … Gerade das machte ihn aber zu einem interessanten Charakter. Ich liebe es, wenn ein Autor es schafft, solch zerrissene, zwiespältige Figuren glaubhaft rüberzubringen. Chapeau dafür!

Ansonsten gibt es ein wirklich buntes Figurenkarussell, darunter einige schräge Vögel und mehr oder weniger vertrauenswürdige Personen, die die Handlung lebendig machten. Einer meiner Favoriten war definitv der Frauenversteher und Lebemann Morpheus und ich hoffe sehr, dass er im Folgeband nochmal eine größere Rolle spielt. *mehr von ihm lesen möchte* Oh und Rains Mom Storm definitiv auch – was für eine warmherzige und starke Frau, die sich jeder als Mutter nur wünschen kann!

Einen Nachteil hatten die unzähligen Charaktere allerdings: Ich wusste beim Lesen oft nicht, wer jetzt eigentlich wer ist und kam mit den Namen durcheinander. o.O Das hemmte meinen Lesefluss und brachte mich so manches Mal raus. Auch hätte ich mir bei einigen Leuten mehr „Screentime“ und Charaktervertiefung gewünscht, damit sie mir im Gedächtnis bleiben.

Beim Schreibstil stecke ich ebenfalls in einem kleinen Zwiespalt: Einerseits war er wunderbar bildlich und atmosphärisch, sodass ich die aschegetränkte Luft in Grey förmlich schmecken konnte, auf der anderen Seite war er mir aber zu detailreich und es gab einige Beschreibungen, die sich oft wiederholten. Es kamen einfach zu viele Infos zur neuen Welt, da wäre weniger mehr gewesen. Ich muss aber dazu sagen, dass ich bei so etwas immer sehr pingelig bin, wahrscheinlich sehen es Leser, die einen detaillierten Schreibstil mögen, anders.

Also auch wenn einiges meiner Meinung nach gekürzt hätte werden können, merkt man, dass hier eine junge, frische Autorin schreibt, die viel Potential hat und sich mit Sicherheit noch weiterentwickeln wird. Man spürt das Herzblut und die Leidenschaft, die Caroline Brinkmann für ihr Werk hegt und die Botschaften, die ihr wichtig sind, kamen direkt bei mir an. Wirklich beeindruckend!

Kommen wir zum letzten Punkt, der Story. Zunächst mal: Eine verdammt interessante Thematik, das mit den Perfekten und der Einteilung der Menschen in verschiedene Kategorien. Ich musste so manches Mal schlucken, wenn Charaktere wegen eines (angeblichen) Handicaps eine Stufe herabgesetzt wurden. Es war wirklich realistisch und nachvollziehbar und damit umso erschreckender! O_O Zugegeben: Man kann das Rad nicht neu erfinden und es erinnerten mich einige Elemente an die „Tribute von Panem“, aber das fand ich überhaupt nicht schlimm, denn die Geschichte schlug einen ganz eigenen Weg ein.

Leider zog sich der Anfang ein wenig und ich kam nicht so gut voran, wie ich gerne wollte. Damit blieb auch die Spannung zeitweise auf der Strecke und ich las zwar interessiert, aber nicht unter Starkstrom weiter. Auch nahm die Story eine Wendung (ich darf hier leider nicht spoilern), die mich nicht restlos überzeugte und erstmal die Handbremse anzog. An der Stelle hätte ich mir weniger Beschreibungen von Rains Alltag, sondern mehr Action und „Mord und Totschlag“ gewünscht …

Das zog sich eine Weile hin bis ab ca. der Hälfte Fahrt in die Sache kam und Rains Alltag gehörig aufgemischt wurde! Menschliche Verluste gaben sich die Klinke in die Hand – um nicht zu sagen sie starben weg wie die Fliegen! o.O Es gab mehr Opfer als ich erwartet  hatte und ich saß mit offenem Mund und feuchten Augen da. *böse zu Frau Autorin schiel* Aber auch wenn mein Herz blutete – das war vollkommen richtig so!

Jedenfalls steigt ab da die Spannung, Tiefgründigkeit und Düsternis kometenhaft an und es wurde von Seite zu Seite mehr zu der Dystopie, die ich mir von Anfang an gewünscht hatte! Das wahre Emotionsfeuerwerk wird dann auf den letzten 50-100 Seiten abgefackelt und es hat sich damit SOWAS VON gelohnt, dranzubleiben! *erleichtert und froh bin*

Das Ende war recht offen, wirkliche „Lösungen“ werden einem nicht auf dem Silbertablett präsentiert und es sind auch nicht alle Handlungsstränge zuende geführt worden (ein zweiter und letzter Teil ist übrigens für 2018 geplant). Dennoch hat es mich mit seiner Botschaft schwer beeindruckt und gerade die letzten Seiten haben ihre Spuren in mir hinterlassen. Sie wirken nach. Noch immer … *erstmal schwer durchatmen und mir ein Tränchen aus dem Augenwinkel wischen muss*

Fazit

Müsste ich die ganzen 600 Seiten in einem Satz zusammenfassen, wäre es wohl: Schwacher Anfang, saustarkes Ende! Aber ein paar mehr Fazitworte kriegt ihr doch: Ich muss leider einige kleine Abstriche machen, aber dafür gab es auch viele eindrucksvolle Szenen und eine wichtige Botschaft. Auf der Pro-Seite steht, dass keine Liebesgeschichte vorkam (war mal eine tolle Abwechslung), dass die Story keinen typischen Verlauf nahm, es keine Schwarz-Weiß-Malerei gab und alle Seiten kritisch betrachtet wurden.

Die Geschichte brauchte zwar eine Weile, um mich in den Bann zu schlagen, dafür hallt sie noch immer in mir nach … DAS schaffen nicht viele Bücher und die Autorin hat definitiv etwas zu sagen, das sich anzuhören lohnt! Am Ende gab es unglaublich viele Verluste, es wurde dramatisch, düster und blutig, ich konnte nur fix und fertig vor den Seiten sitzen. Entgegen dem Titel sind die „Perfekten“ nicht zu 100 % perfekt (ja, das Wortspiel muss an der Stelle sein, sorry), aber von der jungen Autorin können wir noch viel erwarten – merkt euch ihren Namen! ;)

Bewertung

Caroline Brinkmann: Die Perfekten | ONE by Bastei Lübbe | 608 Seiten | 978-3846600498 | 18,00 Euro

Vielen Dank an den Bastei Lübbe Verlag für das Rezensionsexemplar!

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