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{Rezension} Was uns ganz macht von Kendra Fortmeyer

Für die Liebe musst du nicht perfekt sein! Morgan hat ein Geheimnis. Sie ist anders als die anderen und das hat sie siebzhen Jahre für sich behalten. Eines Tages beschließt sie, sich nicht länger zu verstecken und wird unfreiwillig zum Internetstar. Die Medien reißen sich um das vermeintlich unperfekte Mädchen. Im Krankenhaus lernt sie kurz darauf Howie kennen, der buchstäblich ihr perfektes Gegenstück ist. Sie könnten sich gegenseitig heilen, aber können sie sich gegenseitig auch ganz machen?
Einfühlsames Plädoyer wider Perfektionismus und Schönheitswahn.
(Klappentext)

Rezension

„Was uns ganz macht“ fiel mir damals in der Verlagsvorschau direkt auf. Allerdings nicht wegen des Covers (das mir zu kitschig ist und mich im Laden nicht dazu gebracht hätte, es in die Hand zu nehmen), sondern wegen des Klappentextes. Der klingt so besonders, dass er neugierig macht und Lust auf mehr. Deshalb wollte ich es unbedingt lesen und war gespannt, was die Autorin aus der Ausgangssituation machen würde …

Gleich der Einstieg war besonders und zog mich mit dem sarkastischen Ton der Protagonistin in die Geschichte. Irgendwie wurde ich während des Lesens an die Bücher des Magellan-Verlags erinnert, (falls euch das weiterhilft ^^), denn es war ein ähnliches Lesefeeling: locker-leicht, aber tiefgründig. Es ließ sich super flüssig lesen und ich rauschte förmlich mit der Protagonistin Morgan durch die Seiten.

Bevor ich zu ihr komme, muss ich noch ein paar Worte zum Schreibstil verlieren, weil er wirklich anders war. Es gab viele Dialoge, einige Unterbrechungen mit Smartphone-Nachrichten und Artikel/Kommentare aus dem Internet, was mein Lesetempo noch mehr beschleunigte. Außerdem verwendet Frau Fortmeyer viele malerische Beschreibungen, ebenso wie Vergleiche und Metaphern, die ich so noch nie gelesen habe. Das war sehr kreativ und hat mich beeindruckt, aber manchmal kam es mir auch etwas künstlich vor, als wollte sie sämtliche Klischees um jeden Preis vermeiden. Das unterstreicht die Besonderheit der Geschichte, hat mich aber ab und zu aus dem Lesefluss gerissen.

Kommen wir zu Morgan, aus deren Ich-Perspektive die Story erzählt wird. Sie machte es mir zu Anfang echt nicht leicht. *puh* Ja, ich konnte sie verstehen und mit ihr fühlen. Die ganzen Probleme, die sie nur aufgrund ihrer Besonderheit hat, sind echt belastend. Aber muss sie deshalb gleich alles und jeden vor den Kopf stoßen? Und damit meine ich wirklich JEDEN, auch diejenigen, die es gut mit ihr meinen – ihre beste Freundin Caro und Howie zum Beispiel.

Ich hatte so meine Probleme mit ihr, weil sie sehr sarkastisch, schwarzseherisch und ich-bezogen ist. Sie badet ausgiebig in Selbstmitleid, kann nicht aus ihrer Haut und vertraut niemandem. Sie will frei sein, gibt sich stark und cool und unnahbar, ist aber im tiefsten Innern unsicher und einsam. Später sagt sie sogar von sich selbst, dass sie sich zickig benommen hat (oh ja, Mädel!), aber immerhin erkennt sie ihren Fehler. Am Ende konnte ich mich ein bisschen mit ihr versöhnen, aber so richtig dicke Freundinnen sind wir nicht geworden …

Dafür war ihre beste Freundin Caro ein echter Schatz. Morgan hätte sie noch mehr schätzen müssen, denn sie war wirklich Gold wert! So eine gut gelaunte und motivierende Person wünscht sich doch jeder an seiner Seite! Sie unterstützt Morgan wo sie kann und versucht, sie aus ihrem Schneckenhaus zu holen. Leider meist vergeblich. Caro ist nicht die schlankste, aber steht zu ihrem Körper und ermutigt Morgan, dasselbe zu tun. Sie vermittelt damit eine wichtige Botschaft, die man nicht oft genug betonen kann.

Die Grundidee mit Morgans Besonderheit (die ich hier nicht spoilern möchte) war einzigartig und detailliert ausgearbeitet. Es wurde nicht nur als Aufhänger benutzt, sondern stand die ganze Zeit im Mittelpunkt. Wir erleben einige Tests und Versuche, die die Ärzte mit ihr durchführen und die Problematik ist stets präsent. Dazu kommt später noch Howie, der ein ganz ähnliches Problem hat und damit perfekt zu Morgan passt.

Es entwickelt sich eine zarte und nicht kitschige Liebesgeschichte, die ich gut fand. Leider kamen die Gefühle nicht zu 100 % bei mir an, was wahrscheinlich an Morgan lag, die Howie nicht vertraut und lange Zeit auf Abstand hält. Howie fand ich als Charakter sehr sympathisch und er passte besser zu Morgan als beide es je für möglich gehalten hätten. Für meinen Geschmack hätte er allerdings noch etwas mehr Tiefe vertragen und mehr im Mittelpunkt stehen können. Er wurde die meiste Zeit von ihrem Temperament überschattet. :D

Morgan wird zum Symbol für eine ganze Bewegung im Internet, bei dem viele Menschen online preisgeben, warum sie sich ausgeschlossen, einsam oder anders fühlen. Damit werden hier neben dem Bodyshaming (siehe Caro) weitere wichtige Themen angesprochen, wie Internethetze, Verfolgung durch die Presse und dass wir alle bloß Menschen sind und gar nicht so verschieden wie wir immer denken … Man merkt, dass diese Themen der Autorin wichtig sind und sie die jungen Leute mit ihrem Buch ermutigen möchte, zu sich selbst zu stehen. Das muss ich besonders honorieren, denn es hat mich beeindruckt und immer wieder zustimmend nicken lassen.

Leider kam das Ende, wie schon oft in Rezensionen zum Buch gelesen, zu plötzlich. Ich hätte mir noch mehr klärende Gespräche gewünscht, vor allem mit Morgans Eltern und auch mit Caro. Der Streit mit ihr wird einfach unter den Teppich gekehrt, dabei hätte sich Morgan ruhig mal ein Herz fassen und sich entschuldigen können. Es blieb wirklich viel offen, das Ende war für mich keins und ich hätte mir noch mehr Ausblicke auf die Zukunft gewünscht …

Fazit

Trotz meiner Kritikpunkte ist „Was uns ganz macht“ ein absolut lesenswertes Jugendbuch, allein schon wegen seiner wichtigen Botschaften! Es liest sich schnell und flüssig und ist etwas Besonderes, das aus dem Einheitsbrei herausleuchtet. Die Autorin hat viel Leidenschaft, Lebensweisheit und Kreativität in die Geschichte gesteckt, was mich nachhaltig beeindruckt hat.

Ich hätte mir, vor allem bei den Nebencharakteren, noch etwas mehr Tiefe gewünscht und die Geschichte hätte an manchen Stellen noch ausführlicher sein dürfen. Durch Auslassungen wird oft mehr gesagt als durch Worte, aber das machte es auch realistisch und lebensnah. Lest auf jeden Fall rein, wenn euch das Thema „Bodyshaming“ interessiert und ihr außergewöhnliche Jugendbücher mit wichtigen Botschaften mögt – es lohnt sich!

Bewertung

Kendra Fortmeyer: Was uns ganz macht | Oetinger Verlag | 401 Seiten | ISBN: 978-3789108457 | 18,99 Euro

Vielen Dank an die Verlagsgruppe Oetinger für das Rezensionsexemplar!

Weitere lesenswerte Rezensionen:

Kumos Buchwolke

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1 Kommentar

  • Antwort {Lese-Logbuch} Kristinas Januar 2018 - Tintenmeer 2. März 2018 at 15:21

    […] Schullektüre auserkoren werden! ;) Wenn ihr mehr wissen wollt, klickt euch doch mal durch meine Rezension. 4 […]

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