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{Rezension} 7 Gründe, wieso „Der Schein“ von Ella Blix ein großartiges Buch ist

Antje Wagner und Tania Witte haben zusammen ein Buch geschrieben – wenn das nicht schon vielversprechend klingt! Als bekennender Antje-Fan konnte ich mir das neue Schätzchen auf keinen Fall entgehen lassen. <3 Unter dem Pseudonym Ella Blix ist „Der Schein“ Anfang des Jahres im Arena Verlag erschienen.

In der Geschichte geht es um die 16-jährige Alina, die nun auf der kleinen Ostseeinsel Griffiun aufs Internat gehen muss, weil ihr Vater einen Job in den USA angenommen hat. Eines Nachts beobachtet sie ein dunkles Schiff, das seltsame Blitze über das angrenzende Naturschutzgebiet schießt und sie kommt einem mysteriösen Geheimnis der Insel auf die Spur. Dabei findet sie neue Freunde im Internat und trifft die geheimnisvolle Tinka, mit der sich Alina auf unheimliche Weise verbunden fühlt.

Zu recht, möchte ich sagen, wird das Buch vom Verlag als Spitzentitel der Saison geführt. Für mich zählt es zu den richtig guten Jugendbüchern, die in letzter Zeit auf den Markt gekommen sind. Wieso? Weshalb? Warum? Das verrate ich euch heute mit diesen sieben Gründen. ;)

1. Eine lebensechte Protagonistin

Mit ihrer liebenswürdigen und perfekt unperfekten Art mochte ich die Protagonistin dieser Geschichte von der ersten Sekunde an. Alina ist ein Mädchen mit Ecken und Kanten und manchmal ein wenig sperrig – wie das Rollkoffermonster, das sie zu Beginn ihrer Geschichte auf die Fähre zur Insel Griffiun wuchten muss. Alina ist voller Vorurteile, sehr unsicher und hat in ihrem Leben schon eine sehr tiefe Verletzung erfahren. All das versteckt sie hinter einer Fassade aus Sarkasmus und schwarzen Klamotten.

Sie liebt es, auf Papier zu schreiben, Dinge zu ordnen und zu sortieren, und sie liebt Zahlen. Denn all das gibt ihr Sicherheit. Diesem Bedürfnis folgend sortiert sie auch alle Menschen, die sie trifft, sofort in ihre fein säuberlich vorbereiteten Schubladen. Ein Konzept, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, denn wie im wahren Leben sind die anderen Figuren in der Geschichte nicht eindimensional. Trotzdem sorgt das beim Lesen öfter für witzige Momenten.

Alina ist ein junges Mädchen, mit dem man sich beim Lesen identifizieren kann. Es braucht keine aalglatten Protagonisten, die nur „anschmiegsam“ sind, um sie zu lieben. Geliebt werden sie, wenn sie echt sind. Und nur dann bleiben sie auch im Kopf.

2. Liebenswerte und lebendige Figuren

Was uns zum nächsten Punkt bringt: den toll ausgearbeiteten Nebencharakteren der Geschichte. Denn auch wenn in einem Jugendbuch der Platz für ausführliche Beschreibungen und Entwicklungen begrenzt ist, so haben die Autorinnen doch ihr Bestes getan, einem jeden eine eigene Stimme und Persönlichkeit zu schenken.

Das Thema Diversität spielt dabei eine große Rolle – und natürlich auch das Mobbing, das damit verbunden ist. Hut ab! Sowas ist wichtig in einem modernen Jugendbuch! Und so wie Alina konnten mich die Jungs und Mädels aus dem Internat (und natürlich auch die Erwachsenen) immer wieder mit ihrer eigenen Art überraschen und von sich überzeugen.

3. Rätselspaß ohne Ende

Wer es spannend mag, ist hier genau an der richtigen Adresse. Von A bis Z ist dies ein Buch zum Miträtseln! Das dunkle Schiff, das im Klappentext erwähnt wird, lässt nicht lange auf sich warten. Menschen verschwinden. Das Naturschutzgebiet neben dem Internat, das nicht betreten werden darf, übt selbstverständlich einen übermächtigen Reiz aus. In Alinas Vergangenheit wartet nicht nur ein dunkles Geheimnis darauf, nach und nach entdeckt zu werden …

Alle Nase lang stolpert der aufmerksame Leser über Seltsames, das ihn aufhorchen lässt. Vor allem eine ganze Reihe psychologischer Hinweise haben mich beim Rätseln beschäftigt. Lange Zeit lassen sich die Autorinnen trotzdem nicht in die Karten gucken und legen eine Spur nach der anderen – was das Spannungslevel natürlich hochhält und einen durch die Seiten rennen lässt! Aber nicht zu schnell, man will ja nichts verpassen. ;)

4. Urlaubsfeeling trifft Internatsgeschichte 

Dass sie ein Jahr auf eine kleine Ostseeinsel abgeschoben wird, weil ihr Papa Darmbakterien in den USA erforschen will, findet Alina mega-ätzend. Ich dagegen fand es klasse. Ich liebe Ostsee-Geschichten: das Meer, die Natur, die Atmosphäre! Und die ganzen Geheimnisse, die es hier immer aufzudecken gibt! Hach! <3 Seit ich vor vielen Jahren „Die geheime Kammer“ von Corinna Kastner gelesen habe, gehört die Ostsee zu meinen absoluten Lieblingshandlungsorten. Auf Griff-i-uuun (Hinten betont, nicht vorne, übrigens.) habe ich mich gleich zu Hause gefühlt. Im Gegensatz zu Alina, deren sarkastisch-verzweifelte Beschreibungen einfach wunderbar komisch waren. 

Viele Sanddünen später erreichten wir Caras Dorf. Wobei „Dorf“ eine etwas pompöse Beschreibung für diese armselige Häuserschar war. Klein und schief standen die Gebäude da, ihre Dächer schimmerten von Salz, und auf den Mauern wuchsen Flechten. Trauerweiden wiegten sich vor den Häusern. Keine Spur von menschlicher Anwesenheit, keine Bewegung. […] Es hätte nicht stiller sein können, wenn eine streng geheime militärische Waffe sämtliches menschliches Leben von der Erde gefegt hätte. Als eine Katze über die Straße huschte, hätte ich sie am liebsten umarmt. (S.34)

Zum schönen Insel-Feeling kommt noch eine heimelige Internatsatmosphäre hinzu. Das damit gegebene Versprechen auf Abenteuer und eine Clique, die wie eine Familie zusammenhält – wir gegen den Rest der Welt – wird definitiv eingehalten! Mir hat das Ganze daher ein klein wenig die nostalgische Erinnerung an „Hanni und Nanni“, „TKKG“ und meinen persönlichen Kindheitsfavoriten „Unternehmen Jocotobi“ zurückgebracht.

5. Keine Angst vor ernsten Themen

Die Insel Griffiun ist zwar ganz schön ab vom Schlag und macht einen wahnsinnig idyllischen Eindruck, das hält die beiden Autorinnen aber nicht davon ab, auch anspruchsvolle Themen in ihre Geschichte einfließen zu lassen. Vor der pittoresken Kulisse wirken sie vielleicht sogar noch intensiver. 

Neben den mysteriösen und fantastischen Elementen ist dies vor allem eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Das ist – wie wir wissen – allein schon eine heikle Zeit, in der es darum geht, sich selbst zu finden und zu lernen, sich und anderen gegenüber tolerant zu sein. Diesen Part bringen die Autorinnen ganz großartig rüber und sie haben manch kleine (und auch große) herzerwärmende Szene dazu eingebaut.

Auch mit Verlust, Trauer und den daraus resultierenden psychischen Problemen musste sich Alina schon früh auseinandersetzen. Das hat ihren Charakter stark geprägt und macht ihr mit fast 17 immer noch ziemlich zu schaffen. Diese Themen wurden von den Autorinnen zum Glück nicht nur am Rande erwähnt, sondern tiefer ausgearbeitet und durch Erinnerungen und Tagebucheinträge bildlich gemacht.

6. Eine stimmige Symbiose aus zwei Schreibstilen

Dass zwei Autorinnen sich zusammentun, um gemeinsam eine Geschichte zu schreiben, ist nicht alltäglich. Dass sie auch wirklich beide an jedem Kapitel gefeilt haben, bis der letzte Satz gepasst hat – wie ich von Antje erfahren habe –, beeindruckt mich sehr. Und diese Mühe und Hingabe spiegelt sich im Stil der Geschichte wider. Man hört nicht Antje oder Tania heraus, man hört nicht eine Stimme mal lauter oder leiser, man hört eine wohlkomponierte Melodie, die die Stärken von beiden vereint.

Pa hatte gemeint, er könnte es Opa nicht zumuten, gleichzeitig für Oma da zu sein und auf mich aufzupassen. Auf mich aufpassen. Als würde ich ohne einen Erwachsenen in der Nähe wie ein Hundewelpe alles vollsabbern, runterreißen und überall hinmachen … (S.17)

Locker, flapsig und oft schön sarkastisch beschreiben die beiden die Welt durch Alinas Augen und ihre Tagebucheinträge, die alles noch ein bisschen authentischer erscheinen lassen. Ihre typisch jugendlichen Gedankensprünge sind erfrischend und manchmal auch zum Schreien komisch. Überhaupt bringen Alinas Wortspiele und ihre ungeschönte Direktheit sehr viel Humor in die Geschichte. Lautmalereien, die oft verwendet werden, bildstarke Vergleiche und Metaphern bringen atmosphärische und unerwartet poetische Momente in die Geschichte.

„Die Dunkelheit flüsterte um sie herum“, wiederholte ich die Märchenworte, die Oma mir so oft schon erzählt hatte, „die Fische seufzten im Schlaf, als Ma über sie hinwegfuhr, der Mond streichelte mit funkelnden Fingern ihre Haare. Ma schloss die Augen und hielt ihr Gesicht in die singende Nacht.“ (S.271)

7. Das Cover ist traumhaft schön

Zu guter Letzt noch das, was man als erstes sieht: dieses wunderschöne Cover! Darüber könnte ich echt ins Fangirlen geraten. Ist es nicht traumhaft? Wer würde dieses Schätzchen nicht gern im Regal stehen haben? Mich erinnert das Mädchen auf dem Cover übrigens so schwer an Sailor Moon (*hach* Kindheitserinnerungen werden wach) – wem geht es auch so? :D Aber seid beruhigt, mit der Quietscheente Bunny hat das hier gar nichts zu tun! ;)

Fazit

Rezension | Der Schein | Ella Blix | Jugendbuch | Mystery | Sci-fi | Ostsee | Internat | Antje Wagner | Tania Witte | tintenmeer.deOb jugendlich oder schon erwachsen, „Der Schein“ von Ella Blix sei jedem ans Herz gelegt, der gern gute Jugendbücher liest. Die Geschichte hält lebensechte Figuren mit Ecken und Kanten und eine spannend-mysteriöse Handlung zum Miträtseln bereit. Die Autorinnen haben sich nicht gescheut, auch ernste Themen anzusprechen – vom Verlust eines geliebten Menschen und was das mit einem macht, bis hin zum Mobbing, weil man anders als die anderen ist. Transportiert in einem locker-flockigen, manchmal auch poetischen Schreibstil und verpackt in einen wunderschönen Buchumschlag, stimmt hier einfach alles. Der Schein trügt in diesem Falle also nicht! ;)

Bewertung

Ella Blix: Der Schein | Arena Verlag | 472 Seiten | Hardcover | 978-3-401-60413-8 | 18,00 Euro

Der Schein bei Amazon (Werbelink)

Vielen Dank an die Autorinnen und den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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2 Kommentare

  • Antwort Buchstabenträumerin 20. April 2018 at 20:51

    Liebe Sandy,
    nachdem ich „Schattengesicht“ von Antje Wagner alias Ella Blix gelesen habe, möchte ich alles von der Autorin lesen. Allerdings hatte ich bei „Der Schein“ noch ein wenig meine Zweifel, denn es schaut einfach nach 08/15 Jugendbuch aus ;) Dein Beitrag hat mich glücklicherweise eines Besseren belehrt. Nun kann ich es gar nicht abwarten, auch diese Geschichte von ihr zu lesen :)
    Liebe Grüße,
    Anna

  • Antwort Nicole Katharina 10. Mai 2018 at 22:19

    Liebe Sandy
    was für eine tolle Vorstellung des Buches. Ich liebe das Buch auch sehr. Und nachdem ich jetzt meine Rezension zum Buch verfasste, hab ich nach Bloggern gesucht, die dieses Buch auch gelesen und besprochen haben, ich würde dich gerne verlinken, bzw ich mach das einfach, wen dir das nicht recht ist (kann ja sein) sag mir bitte Bescheid, das du das nicht möchtest.
    Liebe Grüße
    Nicole

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