Plauderstündchen

Interview mit Siri Lindberg: Verdammt, die zu verraten, die man liebt

Interview mit Siri Lindberg

Im Klappentext von „Nachtlilien“ steht der Satz: „Eine unsterbliche Liebe und ein Fluch, der alles zerstören wird!“

Das klingt verdächtig nach einer herzzerreißenden Kitsch-Lovestory. Halb erwartet der/die „twilightgeschädigte“ Leser(in) den obligatorisch geschmerzten Vampir, der wie einen Kastenteufel aus den Seiten springt. Doch keine Sorge: Dieses 600 Seiten starke Fantasyepos hat richtig viel zu bieten.

Nach dem Wiederauftauchen aus der Welt von Ouenda, in der ich mein Herz verloren hatte, war ich verzaubert, gefesselt und wollte noch viel mehr darüber wissen. Was gibt es da Besseres, als die Schriftstellerin selbst zu fragen?

Tintenmeer: Worum geht es eigentlich in „Nachtlilien“? Würden Sie uns eine kleine Zusammenfassung geben?

Siri Lindberg: Gern! Die Geschichte spielt in einer fiktiven Welt, die ich eher als mittelalterlich beschreiben würde. Es gibt keine moderne Technik. Jerusha KiTenaro, eine junge Bildhauerin, findet heraus, dass auf ihrem Clan ein Fluch liegt: Alle KiTenaro-Frauen sind dazu verdammt, die Männer zu verraten, die sie lieben. Jerusha macht sich auf den Weg. Sie will versuchen, den Fluch zu lösen, den ein geheimnisvoller Unbekannter im Gasthaus ihrer Großmutter ausgesprochen hat. Auf ihrer Suche begegnet sie Kiéran, einem Elitekrieger, der bei einem schweren Gefecht erblindet ist und gerade im Tempel der Schwarzen Spiegel gesund gepflegt wurde. Auch nachdem sich ihre Wege wieder getrennt haben, können sie einander nicht vergessen, und Kiéran begleitet Jerusha schließlich auf ihrer Suche nach dem Urheber des Fluchs. Der Weg führt sie in die geheimnisvollen Reiche der Traumweberinnen, des Mondvolks und der Drachen.

Tintenmeer: Aller Anfang ist schwer – oder vielleicht auch nicht? Womit haben Sie bei „Nachtlilien“ angefangen? Was war die erste Idee, der erste Impuls?

Siri Lindberg: Die allererste Idee habe ich eines Tages spontan in meinem Notizbuch so eingetragen: „Mädchen will versuchen, den auf ihrer Familie lastenden Fluch zu lösen. Forscht in ihrer Vergangenheit. Wird begleitet von einem jungen Priester, kann ihm nicht beichten, was ihre Vorfahren Schreckliches getan haben.“

Was dabei herauskam, war natürlich etwas anders. Und daraus einen kompletten Fantasyroman mit vielen Figuren, exotischen Welten und Kulturen zu entwickeln war eine ganze Menge Planungsarbeit. Sehr wichtig ist mir immer, dass es zwischen den Figuren und mir „Klick“ macht, dass sie für mich lebendig werden. Ich weiß noch genau, wie das bei Kiéran war: Mir fiel ein, dass sein Vater vielleicht ein Diplomat sein könnte, der schon in vielen Ländern Verhandlungen geführt hat. Für Kiéran bedeutete das, dass er schon überall mal ein paar Jahre gelebt hat. Er ist ganz oft wieder entwurzelt worden, hat gelernt, sich schnell anzupassen. Das fand ich so spannend, dass ich unbedingt über ihn schreiben wollte. Aber auch seine Quasi-Blindheit hat mich fasziniert, ich wollte schon immer mal aus der Perspektive eines Blinden schreiben.

Tintenmeer: Das klingt, als hätte Ihnen das Schreiben bei Kiéran besonders Spaß gemacht. Was mögen Sie am meisten an ihm?

Siri Lindberg: Er ist stark und doch verletzlich. Nicht perfekt, dafür aber selbstironisch. Manchmal aufbrausend, aber in anderen Situationen unendlich geduldig. Kiéran ist einfach eine unglaublich starke Persönlichkeit. Wichtig war mir, dass er nicht wunderschön ist – so was nervt mich immer furchtbar in romantischen Romanen – aber natürlich musste er sowohl Jerusha als auch mir gefallen.

„Heimlich betrachtete sie ihn, während er arbeitete. Das Spiel der Muskeln unter seinem Hemd, das er am Kragen offen trug. Seine schmalen, kräftigen Hände, die präzise und geschickt das Gemüse schnitten. Wie er sich durch die dunklen Haare fuhr, wenn er nachdachte. Manchmal konnte sie noch den schlaksigen, eingeschüchterten Jungen in ihm sehen, der er früher gewesen war. Doch inzwischen bewegte er sich so sicher und instinktiv wie ein Tier, und hätte ihn jemand in diesem Moment über die Kante der Treppe gestoßen, wäre er vermutlich auf den Füßen gelandet wie eine Katze.“ (Lindberg: Nachtlilien, S.352)

Tintenmeer: Nicht nur Kiéran ist ein besonderer Charakter, sondern auch die weibliche Hauptperson. Was spielt für Sie eine große Rolle beim Erschaffen von Figuren?

Siri Lindberg: Ich muss natürlich bei jedem Roman Figuren finden, die mich interessieren und faszinieren, sonst könnte ich keine 600 Seiten lange Geschichte über sie schreiben. Bei Jerusha war es wirklich ihr Beruf, der mir besonders gefallen hat, und dass sie nicht erträgt, sich selbst im Spiegel zu sehen. Das kenne ich von mir selbst. Bei Kiéran war es die Blindheit und seine Vergangenheit als Sohn eines Abgesandten. Ich mag die beiden total gerne, und nachdem ich mit dem Roman fertig war, blieben sie ganz, ganz lange bei mir. Es dauerte Monate, bis ich seelisch wieder aus dem Roman „raus“ war und wieder ganz etwas anderes schreiben wollte und konnte.

Tintenmeer: Wie Sie schon erwähnt haben ist „Ouenda“ eine fiktive, eher mittelalterliche Welt. Ich hatte zu Beginn des Buchs sogar den Eindruck einen historischen Roman zu lesen. Auch der Klappentext verrät nicht allzu viel. Wo begegnet dem Leser denn nun das Fantastische?

Siri Lindberg: Das stimmt. Man taucht erst nach und nach in die Welt ein und entdeckt, welche fantastischen Elemente sie hat, das lag ganz in meiner Absicht. Für Jerusha sollte es etwas Besonderes sein, immer mehr „Anderwesen“ kennenzulernen und verblüfft festzustellen, mit welchen von ihnen ihr Clan früher verbündet oder verfeindet war. Die Eliscan sollten den Bewohnern Ouendas sehr fremdartig erscheinen, ich wollte, dass auch Jerusha und Kiéran zu Anfang viele Vorurteile über sie haben (von denen sich viele nicht bestätigen). Der Leser entdeckt die Anderwesen sozusagen gemeinsam mit den Hauptfiguren.

Tintenmeer: Protagonisten brauchen immer Antagonisten, sonst wird’s langweilig. Wie stehen Sie zu Bösewichten im Allgemeinen und Ihren im Besonderen?

Siri Lindberg: Ich habe generell Probleme, wirklich böse Bösewichte zu erfinden. Das können andere Autoren eindeutig besser. Vielleicht, weil mir in meinem Leben nur wenig echte Bösartigkeit begegnet ist und ich viele gute Erfahrungen mit Menschen gemacht habe. Deshalb sind die Gegner in meinen Romanen nicht abgrundtief böse, sie haben eher andere Ziele als die Hauptfiguren und werden deswegen zu Gegenspielern, oft sehr gefährlichen.

Tintenmeer: Woher kommen Ihre Ideen im Allgemeinen? Was inspiriert Sie?

Siri Lindberg: Ich baue meistens ein, was ich besonders mag. Ich bin ein großer Fan von Wasser in jeder Form, deshalb wurde aus „Burg“ und „Quelle“ die „Quellenveste“. Beim Ort des beinahe tödlichen Duells zwischen Kiéran und Silmar hat mich eine Landschaft vor meiner Haustür inspiriert, das Ufer der Amper.

Außerdem ziehe ich viele Ideen aus der Musik. Die Nachtlilien haben für mich auch einen ganz eigenen Soundtrack. Ein paar Titel nenne ich auf meiner Homepage. Die Songs sind sehr unterschiedlich, von „New Divide“ von Linkin Park bis „She Moves Through the Fair“ von Fairport Convention ist alles Mögliche dabei.

Tintenmeer: Bei so viel Inspiration kennen Sie sicher keine Schreibblockaden, oder etwa doch?

Siri Lindberg: Ich habe selten Schreibblockaden, weil ich gründlich plane und mich deshalb nicht oft in Sackgassen hineinschreibe. Leider passierte es mir bei „Nachtlilien“ trotzdem einmal. Es standen die Szenen an, in denen sich Jerusha und Kiéran in Cyr wiedertreffen, und zu meinem Entsetzen wollte sich das Prickeln zwischen den beiden, das bei den Sharedor-Szenen noch so deutlich gewesen war, nach der langen Trennung nicht mehr einstellen. Am liebsten hätte ich den beiden zugerufen: „He, ihr beiden, was ist los mit euch?“

Verzweifelt und frustriert schmiss ich die Tastatur in die Ecke und marschierte durch die Amper-Auen. Zum Glück lüftete das meinen Kopf irgendwie aus, denn danach wurde mir klar, woran es lag, dass das Wiedersehen nicht funktionierte. Ich hatte versucht, Jerusha und Kiéran ein bestimmtes Verhalten aufzuzwingen – nämlich eine viel zu große Distanziertheit. Wie sich herausstellte, wollten sie einander viel lieber um den Hals fallen, und als ich sie das tun ließ, war plötzlich alles wieder in Ordnung.

Tintenmeer: Zu guter Letzt: Wird es ein „Wiederlesen“ mit Jerusha und Kiéran geben?

Siri Lindberg: Ich darf verkünden, dass voraussichtlich 2013 der zweite Band erscheinen wird. Über diese Entscheidung meines Verlags habe ich mich so sehr gefreut, dass ich spontan die Anfangsszene der Fortsetzung geschrieben habe. Und dabei habe ich gemerkt, wie viel es mir bedeutet, nach Ouenda zurückzukehren …

Tintenmeer: Vielen Dank für das spannende Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit dem Schreiben.

Infos zum Buch:

Siri Lindberg
Nachtlilien

ISBN: 987-3492702157
Piper Verlag,
Hardcover, 591 Seiten
19,95 Euro

Autorenfoto: Christophe Schneider, München

Edit 1: Liebe Bücherfreunde und Lesemäuse,

leider muss ich diesem Beitrag einen traurigen Nachsatz geben. Als ich das Interview im März 2011 geführt habe, sah es echt super aus für „Nachtlilien“ Band 2. Leider hat sich der Piper-Verlag kürzlich dazu entschieden keine Fortsetzung dieser tollen Geschichte zu veröffentlichen. Das ist nicht nur für die liebe Siri eine unheimliche Enttäuschung, sondern auch für alle anderen, die wunderschöne Stunden in Ouenda verbracht haben.

Wenn ihr mehr über Jerusha, Kiéran und ihre Welt erfahren wollt, besucht doch Siris Nachtlilien-Homepage. Vielleicht schaffen wir doch noch eine Fortsetzung! Ich drücke jedenfalls ganz fest die Daumen und werde die Seite ganz sicher im Auge behalten.

http://www.siri-lindberg.de

Edit 2: Ich freue mich wahnsinnig, an dieser Stelle zum zweiten Mal editieren zu können, es hat sich nämlich nun doch noch etwas getan. Siri hat den zweiten und dritten Teil der Geschichte nun ohne Verlag in Eigenregie veröffentlicht und aus dem Einteiler mal schwuppdiwupp eine Trilogie gezaubert!

Auf dem Blog von Sheerisan könnte ihr ein Interview mit der Autorin zur Veröffentlichung von „Lilienwinter“ und „Winterdrachen“ lesen.

Liebe Grüße aus dem Tintenmeer

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5 Kommentare

  • Antwort Jasmin 25. März 2012 at 11:19

    Wieder so ein Buch, dass mich total gefangen genommen hat. Besonders gefesselt haben mich ebenfalls Kieran und Kerushas Beruf. Schon bei den ersten Zeilen, die auf der Baustelle spielten, war ich fasziniert von dieser frischen, neuen Idee einer Bildhauerin. Da ich sehr gerne historische Romane lese und Nachtlilien ja einen sehr ähnlichen Stil hat, hatte ich ja befürchtet, dass es Mal wieder um eine Kräuterfrau oder Heilerin gehen würde. Aber eine Bildhauerin ist tausend Mal spannender. Außerdem hat sie mich irgendwie an meine Zwillingsschwester erinnert, die sehr künstlerisch veranlagt ist und gerade ein Studium zu Restauratorin absolviert.

    Und Kieran hat mich vom ersten Moment an gefesselt. Wie dieser starke Soldat plötzlich mit der Blindheit zu kämpfen hat. Ich liebe es, wenn Figuren (außergewöhnliche) Schwächen haben.
    Im Laufe des Buches hat er wirklich mein Herz gewonnen. Eine der tollsten Figuren, der ich seit langem begegnet bin.

    Hier ein Dankeschön an Siri Lindberg, für dieses wundervolle Buch, welches mich auch Wochen später nicht losgelassen hat. Und ganz abgesehen davon, sieht es rein optisch wundervoll in meinem Bücherregal aus, welches meine persönliche Schatzkiste darstellt.

    Ich hoffe inständig auf eine Fortsetzung und wünsche Ihnen, Frau Lindberg, alles Gute!

    Jasmin

  • Antwort tintenmeer 25. März 2012 at 11:33

    Mir geht es mit dem Buch immer noch genauso. Ich muss ständig dran denken, obwohl ich es schon vor einem Jahr gelesen habe. Wenn mich jemand nach einem guten Buch frage, kommt immer, wie aus der Pistole geschoßen: „Nachtlilien!“ =)

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