Ali Shaw - Das Mädchen mit gläsernen Füßen
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{Rezension} Das Mädchen mit den gläsernen Füßen von Ali Shaw

Klappentext: Seltsame Dinge gehen auf St. Hauda’s Land vor: Eigentümliche geflügelte Kreaturen schwirren umher, in schneebedeckten Wäldern versteckt sich ein Tier, das mit seinem Blick alles in Weiß verwandelt, im Meer sind wundersame Feuerwerke zu beobachten und Ida Maclaird verwandelt sich langsam, von den Füßen aufwärts, zu Glas. Nun kehrt sie an den Ort zurück, wo alles begann, in der Hoffnung, hier Hilfe zu finden. Doch stattdessen findet sie die große Liebe: Mit ihrer traurigen und trotzigen Art schafft Ida es, die Knoten in Midas Herzen zu lösen. Gemeinsam versuchen sie nun, das Glas aufzuhalten.

Rezension

Als ich mir dieses Buch gekauft habe, habe ich nur eine nette, irgendwie fantastische (denn wer verwandelt sich denn bitte in Glas) Liebesgeschichte erwartet. Schon nach 100 gelesen Seiten war mir allerdings klar, dass das hier etwas ganz anderes werden würde. Neben dem Glas, welches auf St. Hauda’s Land hin und wieder mal Menschen befällt und vergläsert, gibt es noch ein paar andere fantastische Wesen. Zwar begegnet der Leser ihnen hier und da, aber immer sind diese Begegnungen eher wie ein Traum. In den Köpfen der meisten Menschen auf dieser Insel existieren sie ohnehin nur in den Legenden. Sind sie also wirklich da oder ist alles nur Einbildung? Mit dieser Frage kann man sich während des Lesens immer wieder beschäftigen, auch wenn sie nicht die zentrale ist.

Auf den ersten Blick sind Midas und Ida die Hauptfiguren, doch nach einiger Zeit stellt man fest, dass die eigentliche „Hauptfigur“ die Vergangenheit der seltsamen Insel und ihrer Bewohner ist. Der Fokus liegt auf Midas Vergangenheit, auf seinem Vater und seiner Mutter und seiner Beziehung zu ihnen.

Um es mal ganz platt herauszusagen, wer in diesem Buch die obligatorische Geschichte „Zwei finden sich und mit einem von beiden stimmt was Fantastisches nicht“ erwartet, wird sehr enttäuscht sein. Ich würde sagen, es geht überwiegend um Midas und die Frage, wie er sich selbst akzeptieren und seinen Platz in der Welt finden kann. Seine Kindheit war aufgrund der Beziehung zu seinen Eltern (besonders Vater) nicht ganz einfach. Viele Rückblenden vermitteln ein sehr gutes Bild von den Schwierigkeiten. Ich möchte nicht zu viel verraten, doch wenn man den Grund für alles erfährt, möchte man einfach nur weinen.

Tragik ist das allumfassende Wort für dieses Buch. Nicht nur die immer weiter fortschreitende Vergläserung Idas, gegen die anscheinend einfach nichts unternommen werden kann, ist damit gemeint, sondern auch Tod, verzweifelte, verhinderte, unerwiderte Liebe und erschüttertes Vertrauen.

Wenn sie nachts aufwachte, waren das die seltenen Augenblicke, in denen sie vergaß, was mit ihren Füßen geschah. Bis ein Gefühl wie von tausend Nadelstichen in ihren Adern und die Reaktionslosigkeit der toten Nerven, wenn sie versuchte, die Zehen zu bewegen, sie wieder in die Wirklichkeit zurückholten. Heute Nacht fand sie einfach keinen Schlaf. Sie wusste, dass es ungerecht war, so zu denken, aber sie empfand Carls Anwesenheit in seinem eigenen Haus als störend. Neulich nachts, als Midas nur eine Armlänge von ihr entfernt gewesen war, hatte sie durchgeschlafen. Bei ihm hatte sie sich wohlgefühlt. Am nächsten Morgen, als das Öl in der Pfanne gebrutzelt hatte, war sie beinahe glücklich gewesen.

Ali Shaw: Das Mädchen mit den gläsernen Füßen, S.190

Der Sprachstil von Ali Shaw ist sehr beeindruckend. Er ist anspruchsvoll, teilweise sehr poetisch. Doch die Wortwahl ist immer ehrlich und manchmal sogar erstaunlich ungeschminkt. Es gibt sehr viele Beschreibungen und weniger Dialoge. Außerdem sind diese oft sehr kurz und nicht besonders ausführlich. Die Figuren sind quasi darauf angewiesen, sich gegenseitig zu fühlen. Worte und Kommunikation fallen besondern Midas schwer und manchmal möchte man ihn anschreien: „Junge, mach doch endlich den Mund auf!“ Aber so ist er eben. :)

In meinem „Ich-Lese-Post“ habe ich schon ausführlich über die Gestaltung des Buchs – wunderschön gläsern – geschrieben, darum muss ich das, glaube ich jetzt ja nicht noch einmal tun. Ein Gedanke kam mir dann aber doch noch, als ich das Buch fast zu Ende gelesen hatte. Es wäre auch eine tolle Idee gewesen, das Fortschreiten von Idas Vergläserung als Motiv in die Buchgestaltung aufzunehmen, indem man etwas von unten nach oben wachsen lässt. Ein Element, eine Ranke oder nur ein grauer Schein?

Fazit

Verzweiflung und Hoffnung, Liebe und die Angst vom anderen enttäuscht zu werden, das sind die Grundelemente der Geschichte. Weniger das Fantastische, auch wenn es vorhanden ist, steht im Mittelpunkt. „Das Mädchen mit den gläseren Füßen“ ist keine fantastische Liebesgeschichte, sondern eine menschliche. Auch ist das Vergläsern keine romantische Idee. Es ist ein schrecklicher, schmerzhafter Vorgang, der Idas Zeit ablaufen lässt und Midas dazu zwingt, die Augen für das Leben zu öffnen.

Bewertung

Ali Shaw: Das Mädchen mit den gläsernen Füßen | Script 5 | 398 Seiten | 978-3-8390-0131-8 | Originaltitel: The Girl with Glass Feet | 19,95 Euro

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5 Comments

  • Reply Steffi 25. Mai 2012 at 21:13

    Seeeehr schöne Rezension!

    lg

    Steffi

  • Reply Gwendolyn 31. August 2012 at 11:15

    Ich wünsche mir das Buch, allerdings bin etwas unsicher was das Buch betrifft, ich bin mir nicht ganz sicher weil, ich gelesen habe, dass es ein traurig schönes Ende gibt, und dass es mehr um Hintergrund als um das jetzt und hier geht, stimmt das? Sind auch folgende Eigenschaften beinhaltet?: Spannung, Konflikte und Versöhnung, Liebe, Realität (ein bisschen) und Fantasy? Oder ist es eher ein Buch das zum nachdenken anregt?
    HILFE…?
    Gwenny

    • Reply tintenmeer 31. August 2012 at 11:39

      Hallo Gwenny,

      es ist tatsächlich keine spannungsgeladene Fantasy-Liebesgeschichte. Wenn du ein Buch wie Twilight o.ä. erwartest, wirst du sicher enttäuscht werden. Allerdings finde ich das hier tausendmal besser: Es gibt Charaktere und nicht nur leere Hüllen, es ist ein Buch zum Nachdenken. Es geht am Ende eben eher um die Figuren und ihren Umgang miteinander, um ihre Auseinandersetzung mit der Welt.

      Das mit den Eigenschaften kann ich dir so genau nicht sagen, denn die sind subjektiv. Ich fand es spannend, romantisch und realistisch. Dennoch gibt es auch einen fantastischen Aspekt – denn wer wird denn wirklich zu einer Glasfigur?

      Und das Ende werde ich nicht verraten. ;)

      Liebe Grüße
      Sandy

  • Reply Gwendolyn 1. September 2012 at 12:24

    okay, danke gwenny

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