Geisterzeilen von Janina Ebert
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{Rezension} Geisterzeilen von Janina Ebert

Manchmal sind die Menschen, die einen am meisten prägen, bereits tot: Es ist tiefe Nacht, als Helena zum ersten Mal vom Drang zu schreiben erfasst wird. Ihre Hand saust förmlich über das Papier und hinterlässt einen stilistisch ausgefeilten Text. Helena spürt, dass jemand von ihr Besitz ergriffen hat, beschließt aber, niemandem davon zu erzählen. Fortan verlässt sich die bisher durchschnittliche Schülerin bei Hausaufgaben und Tests auf ihre „Gabe“ und staubt eine gute Note nach der anderen ab.
Erst als ein fremder Name auf ihrer Geschichtsarbeit erscheint, bekommt es die 16-Jährige mit der Angst zu tun. Wer ist dieser Oskar Schiller, der ihre Hand führt, und was will er von ihr? Helena beginnt nachzuforschen und schon bald taucht ein weiterer Geist auf, der ihr Herz höher schlagen lässt …

Rezension

Weil ich sehr begeistert von „Harpyienblut“ aus dem Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag war, habe ich keine Sekunde gezögert und mir auch „Geisterzeilen“ bestellt. Der Klappentext klingt vielversprechend und spannend mit einer Priese Lovestory. Dass die Autorin mit ihren 19 Jahren sehr jung ist, finde ich überhaupt nicht abschreckend, im Gegenteil, ich habe schon einiges von jungen Autorinnen und Autoren gelesen, bei dem man das Alter nie erraten würde.

Der erste Eindruck von dem Buch war sowohl visuell als auch haptisch: Es ist hochwertig gebunden und der Einband ist gummiert. Ich persönlich finde das unglaublich toll. Das Buch fühlt sich geradezu seidig an. Der silberne Vorsatz veredelt es zusätzlich. Leider bin ich von der Covergestaltung nicht so ganz überzeugt. Das Titelbild hat – soweit ich mich erinnere – überhaupt nichts mit der Geschichte zu tun. Ich lasse mich gern eines Besseren belehren, aber ich wüsste nicht, was ich mir dazu vorstellen sollte. Sieht eher danach aus, als gäbe es noch nicht genug halbe, vollkommen aussagelose Frauengesichter auf Büchern. Von hinten finde ich das Cover sehr viel ansprechender.

Sehr schön fand ich, dass jedes Kapitel mit einem „Titelblatt“ versehen ist. Die einzelnen Überschriften sind aber leider nicht so gut gewählt, denn sie sind quasi eine Zusammenfassung dessen, was im folgenden Teil passieren wird. Das raubt dem Ganzen unglaublich die Spannung. Ein Beispiel: Das erste Kapitel heißt „Herzschmerz und unerwartet Hilfe“. Was passiert? Helena, die Protagonistin, heulte ihrem Exfreund nach und bekommt Hilfe bei ihren Hausaufgaben von einem Geist. Dies zieht sich leider durch das ganze Buch. Böse gesagt, könnte man auch nur die Überschriften lesen und sich mit ein bisschen Fantasie 95% der Geschichte denken.

Er legte mir den Test vor die Nase. 15 Punkte! Für diejenigen, die mit dem Punktesystem nicht vertraut sind: Das entspricht einer Eins plus, also dem besten Ergebnis, das erzielt werden kann.
Meine riesige Freude darüber verhinderte zunächst, dass ich bemerkte, was meinen Lehrer so verwunderte. Erst nach einiger Zeit fiel es mir auf – und es jagte mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. An der Stelle, an der ich meinen Namen geschrieben hatte, stand nicht „Helena Kögel“, sondern „Oskar Schiller“.
„Wer ist Oskar Schiller?“, fragte ich verwirrt.
„Das habe ich mich auch gefragt“, erklärte mein Lehrer.

– Ebert: Geisterzeilen, S.31

Momentan habe ich merkwürdiger Weise ziemlich oft das Glück an Erzählungen aus der Ich-Perspektive zu geraten. Im Allgemeinen stört mich das nicht. Der positive Effekt ist dabei, dass man sich der erzählenden Figur sehr nahe fühlt. Leider hat das bei „Geisterzeilen“ so gar nicht funktioniert. Obwohl Helena aus ihrer Sicht erzählt, habe ich zu keinem Zeitpunkt einen Zugang zu ihr gefunden. Ihr Erzählstil war stellenweise sogar sehr oberflächlich. Vieles wird so schnell abgehandelt, dass man aufpassen muss, nichts zu verpassen. Darum konnte ich auch leider nicht wirklich mit ihr fühlen, alles blieb immer ein kleines bisschen abstrakt. Das Problem zog sich unglücklicherweise auch durch den größten Teil der Beschreibungen. An dieser Stelle möchte ich doch gern ein Beispiel dafür anbringen. Es ist auch nicht direkt ein Spoiler, denn das Geschilderte ist mehr oder weniger belanglos: Helena hatte sich mit ihrer Freundin Maxi gestritten, weil diese ihre Geistergeschichte nicht sofort geglaubt hat. Aus Helenas Sicht war dieses Misstrauen ein immenser Vertrauensbruch, der dazu führte, dass die Freundinnen nicht mehr miteinander reden. Nachdem ein Beweis für die Echtheit von Helenas Geschichte erbracht war, entschuldigt sich Helena in 5 kurzen Zeilen, dass sie etwas überreagiert hat, und alles ist wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Danach erfährt man noch, dass dies das Highlight des Tages war: „Der restliche Tag verlief glücklicherweise ohne nennenswerte Ereignisse, der folgende ebenso.“ [Ebert: Geisterzeilen, S.84] Das Ganze wird dann in weniger als einer halben Seite abgehandelt. Dafür, dass vorher so ein Trara um die Sache gemacht wird, finde ich das einfach sehr dürftig.

Der zweite Protagonist Oskar Schiller ist einer der Geister, bzw. der „Ghostwriter“, die Helena aufsuchen, damit sie ihre Werke zu Papier bringt. Er steht Helena mit Rat und Tat zur Seite und übernimmt sogar die Rolle einer „Vaterfigur“ (oder Großvater …). Wenn er auftritt, steigt die Spannung und auch der Schreibstil verändert sich zum Positiven. Gleiches gilt übrigens auch für den namenlosen, jungen Geist, der Helenas Herz berührt. Beide haben eine gewisse „weise“ Ader, die in den Dialogen sehr stark hervortritt. Beide Geister sind im Gegensatz zu Helena recht sympathische Figuren, deren Vergangenheit mehr oder weniger im Dunkeln liegt. Sie bilden den eigentlich interessanten Aspekt der Geschichte. Eher hinderlich und leicht abstrus war allerdings die Liebesgeschichte zwischen dem Namenlosen und Helena. Er ist eigentlich 90% der Zeit damit beschäftig, seiner Angebeteten ins Ohr (bzw. die Schreibhand) zu säuseln, wie wunderschön sie ist. Und sie? Glaubt es natürlich nicht. Wirkliche Stimmung kam da nicht auf – weder romantisch noch tragisch. Zumindest Letzteres wäre zu erwarten, immerhin handelt es sich hier um eine unmögliche Liebe. Während Oskar immer in seiner Rolle als weiser Berater bleibt und sehr feinsinnig auftritt, verkehren sich die Äußerungen des Namenlosen leider ins Negative. Es werden zunehmend Klischees bedient und abgedroschene Wendungen kundgetan.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und größtenteils sehr locker, aber hat auch noch einen anderen interessanten Aspekt. Eigentlich haben wir in diesem Buch ganze vier Autoren vereint, die sich durch ihre unterschiedliche Art zu schreiben auszeichnen. Und das hat die Autorin meiner Meinung nach wirklich sehr gut umgesetzt. Wir haben Helena, deren Stil leider, wie erwähnt, sehr oberflächlich und einfach ist. Allerdings passt dies auch sehr gut zu ihrem Charakter, denn sie ist ein 16-jähriges Mädchen, mittelmäßig in der Schule und sagt selbst von sich, dass sie keine Autorin ist. Unglücklicherweise erfährt man aber die ganze Geschichte aus ihrer Sicht. Als Erstes kommt Oskar hinzu, dessen kluger, ausgefeilter Stil sich nur in seinen Äußerungen zeigt. Als Nächstes haben wir den Namenlosen. Er ist noch ein Autor in den Kinderschuhen, zeigt sehr gute Ansätze, die in kurzen Auszügen, die Helena aufschreibt, sichtbar werden. Zu guter Letzt ist da noch ein weiblicher Geist, der erschütternde, aber auch sehr gute Gedichte verfasst. Diese unterschiedlichen Stile, die Janina Ebert in dem Buch vereint, sind konsequent und genau ausgearbeitet. Jede der Figuren hat eine eigene, individuelle Stimme. Das macht einen besonderen Teil des Buchs aus.

Fazit

„Geisterzeilen“ ist das Debüt einer sehr jungen Autorin. Es hat seine größten Schwächen in der leider flachen, leicht unsympathischen Protagonistin und den oberflächlichen Beschreibungen. Unter beidem leidet unglücklicherweise auch die Spannung. Dennoch sind schon sehr gute Ansätze und Ideen bei der Autorin zu erkennen, die vermutlich nur noch ein bisschen mehr herausgekitzelt werden müssten. Ich vergebe hier zum ersten mal 2,5 Sterne, eine Wertung, die in meinem System eigentlich nicht vorkommt. Für drei Sterne hatte ich zu viele Kritikpunkte, 2 Punkte finde ich wiederum auch nicht gerechtfertigt.

Bewertung

 

Janina Ebert: Geisterzeilen | Schwarzkopf & Schwarzkopf | 308 Seiten | 978-3-86262-139-9 | 14,95 Euro

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14 Comments

  • Reply Arya 21. Juni 2012 at 22:54

    Eine gut geschriebene Rezension. :) Ich habe von dem Buch zugegebenermaßen noch nichts gehört, aber vom Klappentext her klingt es nicht schlecht. Allerdings sind deine Kritikpunkte nicht unerheblich und deswegen werde ich mir das noch einmal überlegen …
    Liebste Grüße! :)

    • Reply tintenmeer 21. Juni 2012 at 23:06

      Danke. =)
      Aber wer weiß? Vielleicht findest du es ja ganz anders … ;)

  • Reply Lovely Fairy 22. Juni 2012 at 15:28

    Wenn man den Klappentext liest und den Textschnippsel, klingt es wirklich super und das Cover finde ich auch sehr ansprechend. Aber nachdem was du geschrieben hast, würde ich es wahrscheinlich nicht mögen. Aber ich glaube ich werde es doch lesen, weil es vom Klappentext so spanend rüberkommt.

    Liebe Grüße :)

    • Reply tintenmeer 22. Juni 2012 at 18:06

      Ich finde es toll, dass du dir deine eigene Meinung bilden möchtest. =) Vielleicht schreibst du mir ja später mal, wie du es fandest! Viel Spaß beim Lesen!

  • Reply his-and-her-books 22. Juni 2012 at 18:44

    Tolle Rezension, auch wenn es dir nicht so gefallen hat.
    Dann geht es dieses Wochenende dem SuB an den Kragen? Ist doch auch toll… so ein Wochenende bräuchte ich auch :-)
    Wünsche dir viel Spaß dabei und erwarte viele, viele Rezensionen :-D

    lg

    Steffi

    • Reply tintenmeer 22. Juni 2012 at 18:52

      Danke =) Man kann ja auch nicht alles gut finden. Da hat jeder einen anderen Geschmack. Ich glaube, ich werde mich dem „Gruppenzwang“ mal ein bisschen beugen und mir Panem angucken. Meine Freundin hat es mir als „catchy“ angepriesen. Na mal sehen … Zeit habe ich ja mehr als genug. ^.~

      • Reply hisandherbooks 22. Juni 2012 at 19:07

        Ich habe ihn auch gesehen… Fand ihn nicht schlecht, aber meine Erwartungen waren wohl zu hoch… Ich hatte mir eine bessere Umsetzung erhofft…

        • Reply tintenmeer 22. Juni 2012 at 19:56

          Ah ich merke gerade, dass ich mich da ein bisschen blöd ausgedrückt habe. Ich meine, ich werd einen Blick ins Buch werfen. Der Film interessiert mich nicht wirklich. =)

          • his-and-her-books 22. Juni 2012 at 20:07

            das buch ist klasse!!! lies es, sooooofort :-)

        • Reply tintenmeer 22. Juni 2012 at 20:35

          Zu Befehl! ;)

  • Reply Alina 24. Juni 2012 at 19:16

    Hallo, ich muss leider sagen, dass deine Rezension zwar gut geschrieben ist, aber bei mir auf völliges Unverständnis stößt. Ich sehe das ganz anders, ich finde das Buch echt gelungen und außergewöhnlich. Ich hatte zum Glück schon die Kritik bei LizzyNet gelesen , und mir das Buch auch gleich gekauft und ebenso wie die Leserin dort total verschlungen. Ich konnte mich mit der 16-jährigen Hauptfigur sehr gut identifizieren. Natürlich hat sie ihre Schwächen, aber genau das macht den Charakter einer Figur aus und im Laufe des Romans verändert sich Helena meiner Meinung nach sehr zum Positiven. Ihre pubertäre, dramatische Art macht sie für mich sehr sympathisch und vor allem menschlich. Ich mag Charaktere, die nicht den typischen Helden entsprechen.
    Zu deiner Kritik an der Versöhnung mit Maxi: Wenn ich mich richtig erinnere, hat Oskar ihr zuvor den Rat gegeben, ihr zu verzeihen und ihr erklärt, weshalb es Maxi schwerfällt, ihr zu glauben. Helenas Zorn ist zu diesem Zeitpunkt bereits größtenteils verraucht, deswegen finde ich die eigentliche Versöhnung nicht zu kurz gehalten, aber das ist wohl Ansichtssache.
    Auch die Kritik am Namenlosen finde ich nicht gerechtfertigt. Natürlich sind seine Aussagen oft kitschig, aber es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass er aus einer anderen Zeit stammt, in der man Frauen noch anders umworben hat. Genau das schätzt Helena ja an ihm. Ich finde auch nicht, dass er sich zum Negativen entwickelt, im Gegenteil, mir ist er immer mehr ans Herz gewachsen.
    Wie gesagt, mir hat der Roman sehr gut gefallen und ich kann deine Kritikpunkte nicht nachvollziehen. Ich für meinen Teil hoffe auf weitere Bücher der Autorin und kann nur jedem raten, sich seine eigene Meinung über das Buch zu bilden! Für mich hat sich der Kauf definitiv gelohnt.

  • Reply tintenmeer 24. Juni 2012 at 20:39

    Hallo Alina,

    ich freue mich, dass du so einen ausführlichen Kommentar geschrieben hast. Wie ich auch schon Arya und Lovely Fairy geschrieben habe, finde ich es wichtig, sich seine eigene Meinung zu bilden. Ich will ganz sicher niemanden davon abhalten, das Buch zu kaufen oder zu lesen.

    Allerdings habe ich auch nicht vor zu lügen. So wie ich es oben geschrieben habe, habe ich es empfunden. Und ich muss auch dazu sagen, dass ich gar nicht damit gerechnet habe, dass es mir nicht gefallen könnte – aber so war es leider. Ich finde, ich habe meine Kritik ausreichend begründet – ob du sie als „gerechtfertigt“ ansiehst oder nicht. Und nur weil alle anderes etwas gut finden, schließe ich mich dem nicht an, wenn ich es anders sehe.

    Das Ganze ist einfach Geschmackssache.

  • Reply Andreea 16. Juli 2013 at 15:58

    hallo.

    Habe deinen Blog durch Zufall entdeckt, weil ich genau nach einer Rezension für dieses Buch gesucht habe.

    Tut mir leid, dass dir das Buch nicht so gut gefallen hat, aber ich finde es super, dass du so ehrlich warst.

    Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern, und jeder hat einen anderen Geschmack, und genau das ist ja das Tolle an uns Menschen, sonst wäre es doch ziemlich langweilig, wenn wir alle gleich denken/fühlen etc. würden.

    Ich will trotzdem das Buch lesen, denn die Summary klingt super und ich liebe Geistergeschichten. Hoffentlich wird es mir gefallen und hoffentlich werde ich mich mit der Protagonistin anfreunden können. Leider habe ich sehr oft Probleme mit oberflächlichen, nervigen, dramatischen Protagonisten, aber wer weiß, vielleicht werde ich sie in diesem Buch ja trotzdem mögen.

    Andreea

  • Reply tintenmeer 22. Juli 2013 at 14:36

    Hallo Andreea,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Ich wünsche dir viel Spaß mit dem Buch. Vielleicht packt es dich ja mehr als mich. Ich würde mich freuen, wenn dur mir nach dem Lesen auch noch mal deine Meinung schreiben würdest.

    Liebe Grüße
    Sandy

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