Christoph Marzi - Lycidas
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{Rezension} Lycidas von Christoph Marzi

Klappentext: Als Emily mitten in der Nacht Besuch von einer sprechenden Ratte erhält, bleibt ihr kaum Zeit, sich darüber zu wundern. Plötzlich ist die junge Waise dem Geheimnis ihrer Herkunft auf der Spur, sie lernt den mürrischen Alchemisten Wittgenstein kennen und hat alle Hände voll zu tun, Wittgenstein, sich und ihre kleine Schwester vor Wölfen und anderen gefährlichen Wesen zu retten. Denn in London, der Stadt der Nebel, ist nichts, wie es scheint …

Rezension

Die zwölfjährige Emily Laing lebt in einem Londoner Waisenhaus, welches sich Charles Dickens nicht in seinen schlimmsten Albträumen ausgemalt hätte. Das Leben hier steht unter der Fuchtel des bösartigen Reverends Dombey. Der wahre Schrecken erscheint jedoch in Gestalt der Madame Snowhitepink, die immer wieder Waisenkinder mit sich nimmt und völlig verstört oder gar nicht wieder zurückbringt.

Als Emily eines Tages von einer sprechenden Ratte dazu aufgefordert wird, auf ein anderes Waisenmädchen aufzupassen, und dann auch noch beobachtet, wie ein Werwolf eben jedes Kind mitten in der Nacht entführt, tut Emily den ersten Schritt in die Uralte Metropole, den sie nicht mehr rückgängig machen kann. Von nun an entwickelt sich die rasante Geschichte um das junge Waisenmädchen, ihre Freundin, Aurora Fitzrovia und ihre Mitstreiter Mortimer Wittgenstein, Maurice Micklewhite – und natürlich die Ratten.

Christoph Marzis Schreibstil ist (zumindest was dieses Buch betrifft) eher ungewöhnlich und darum sehr gewöhnungsbedürftig. Der eigentliche Erzähler dieser Geschichte ist der Alchemist Wittgenstein. Dieser ist ein äußerst merkwürdiger und recht eigenbrötlerischer Zeitgenosse, der es im direkten Gespräch vorzieht, klare Aussagen möglichst zu vermeiden. Gerade einen solchen Charakter als erzählende Instanz einzusetzen, hat aber durchaus ihren Reiz und ermöglicht eine außergewöhnliche Form der Spannungserzeugung. Denn zwar folgt sein Bericht grob der chronologischen Reihenfolge der Ereignisse, doch spielt er des Öfteren auf Dinge an, die noch nicht geschehen sind. Dies findet sich auch in seinem sonstigen Gesprächsverhalten wieder, wenn die Figuren die kryptischen Antworten nicht verstehen, da ihnen Informationen fehlen. Im Zweifelsfall – und dieser kommt sehr oft vor – lautet die Antwort schlicht: Fragen Sie nicht! Und ich bin sicher nicht die einzige Leserin, die dieser Satz im Verlauf der Geschichte zum Wahnsinn getrieben hat … ;)

Erzählt wird von Wittgenstein die Geschichte von Emily Laing, die auf der Suche nach dem Waisenmädchen Mara die Uralte Metropole Londons kennenlernt, jene Stadt unter der Stadt, von der die wenigsten Menschen wissen. Bevölkert ist diese Welt von allen möglichen Gestalten aus Sagen, Legenden und den Religionen. Dieser „Mischmasch“ und die Tatsache, dass Marzi sich dafür entschieden hat, die Grenzen von Gut und Böse so sehr zu verwischen, machen das Buch für mich einzigartig.

Die vielfältigen Charaktere dieses düsteren Londons haben mir allesamt sehr gut gefallen. Zu Beginn hat man noch den Eindruck, dass die Guten und die Bösen klar getrennt und ihre Ziele ebenso konsequent sind. Doch dem ist bei weitem nicht so. In jedem guten Charakter schlummert das Potential zum Bösen und umgekehrt. Es kommt immer auf die Umstände an. Dieses nach und nach aufzudecken, ist wohl wirklich eine Kunst, und ich kann mir vorstellen, dass damit nicht alle Leser umgehen können. Die Welt die Marzi erschaffen hat, ist trotz aller Fantasiegestalten realer, als man manchmal wissen möchte.

Welche Stelle mir am besten gefallen hat? Ich werde natürlich nicht spoilern, aber den Anfang des Kapitels „Liliths Lied“ habe ich mit einem entsetzten und einem weinenden Auge gelesen. Grauenerregend, wunderschön und todtraurig – hier hab ich also doch noch den harten Tobak gefunden.

Gesang war es. In einer Sprache, die nicht einmal des Elfen Ohren jemals vernommen hatten. Eine Melodie, die voll Licht und Hoffnung war und der Liebe, die bedingungslose Opfer bringt. Töne, die die Welt vernommen hatte, als sie noch ohne Sünde gewesen war. […]
„Sie sang für ihren Geliebten“, sagte uns der Elf. „Sie sang für Lycidas.“
Nur für ihn.
Zum Abschied.

– Marzi: Lycidas, S.686

Fazit

„Lycidas“ ist ein absolut, absolut gutes Buch (!), mit einer spannenden und sehr komplexen Handlung, die dem Leser an manchen Stellen tatsächlich an die Nieren gehen kann. Sämtliche Charaktere sind vielschichtige Wesen, haben ihre ganz eigenen Abgründe und hauchen der Uralten Metropole Leben ein. Und letzten Endes hab ich – wie sollte es auch anders sein? – mein Herz an Lycidas (und dieses Buch) verloren. Vielen, vielen Dank für diesen gefallenen Engel, Herr Marzi! ♥

Bewertung

Rezension Sternebewertung 5 Sterne

Christoph Marzi: Lycidas (Die Uralte Metropole Band1) I Heyne Verlag I 862 Seiten I 978-3-453-52910-6 I 9,99 Euro

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2 Kommentare

  • Antwort Nadine 1. August 2017 at 0:10

    Hallo liebe Sandy,

    man man man, jetzt hast du mir mit deiner Rezension wirklich totale Lust auf dieses Buch gemacht ????
    Ich habe es bereits seit einiger Zeit im Regal stehen (eigentlich sogar alle Teile der „Uralte-Metropole“ Reihe).
    Ich denke sobald ich mein jetziges Buch beendet habe, werde ich auch endlich dazu greifen. Vor allem, da Christoph Marzi einen Ort von mir entfernt aufgewachsen ist ????
    Danke für deine tolle Rezension und das Anschupsen ????

    Liebe Grüße
    Nadine

    • Antwort Sandy 3. August 2017 at 6:55

      Hallo Nadine,

      das freut mich, dass ich dich zum Lesen dieses Buches bewegen konnte. Viel Spaß und schreib, wie du es fandest. :)

      Oh und ist ja cool mit Marzi – wer so nah am „Prägungsort“ wohnt, muss doch mal in seine Bücher reinlesen – vielleicht erkennst du ja auch etwas wieder. ;)

      LG Sandy

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