Anna im blutroten Kleid von Kendare Blake
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{Rezension} Anna im blutroten Kleid von Kendare Blake

Klappentext: Sie ist jung, sie ist wunderschön – und sie sinnt auf Rache, seitdem sie auf dem Weg zu einem Schulball ermordet wurde. Anna im blutroten Kleid verbreitet Angst und Schrecken in der Kleinstadt Thunder Bay. Man munkelt, dass sie am spurlosen Verschwinden von 27 Jugendlichen die Schuld trägt. Doch niemand wagt sich ihr in den Weg zu stellen – bis der 17-jährige Cas Lowood auftaucht, ein Geisterjäger, den so schnell nichts in die Flucht schlägt.

Rezension

Cas Lowood ist Geisterjäger. Seit dem Tod seines Vaters vor 10 Jahren hat er dessen Aufgabe übernommen und mittlerweile vermutlich schon mehr Tote erlegt als sein alter Herr in der gleichen Zeit. Als ein Informant ihm den Hinweis auf einen legendären Geist gibt, fühlt er sich von diesem magisch angezogen. Anna im blutroten Kleid soll bereits 27 Jugendliche ermordet haben – eigentlich etwas, das nach Ammengeschichte riecht. Als Cas in Thunder Bay ankommt, wir er schnell Zeuge von Annas Macht, und sein Ehrgeiz wird geweckt.

Cas – eigentlich Theseus Cassio Lowood (ein Wunder, dass der arme Junge nicht permanent verprügelt wird) – scheint auf den ersten Blick ein abgebrühter Kerl zu sein, dem es nur darum geht, möglichst viele Geister möglichst schnell ins Jenseits zu befördern. Er besitzt ein gewohnheitsmäßiges Jagdschema, bereitet sich gut auf seine Einsätze vor und weiß immer genau, was er tut. Soweit jedenfalls die Theorie.

Cas ist allerdings gerade einmal blutjunge 17 Jahre alt, hat seinen Vater auf brutale Weise an einen Geist verloren und hat keine Ahnung von der wirklichen Welt. Als er nach Thunder Bay – Annas Stadt – kommt, läuft sofort alles aus dem Ruder. Seine Pläne lösen sich in Luft auf, bevor er auch nur ansatzweise mit seinem üblichen Vorgehen beginnen kann. Einige Schüler seiner neuen Schule wollen unbedingt in sein „Team“, plötzliche muss sich der Einzelkämpfer also mit anderen Menschen auseinandersetzen und auch Anna hat nichts mit den üblichen Geistern zu tun.

Immer wieder zeigt sich, wie unsicher Cas ist. Die Realität, die Normalität eines 17-jährigen, ist etwas, das er nicht kennt und mit dem er nicht umzugehen weiß. Er weiß nicht, wie es ist, Freunde zu haben, die ihn um jeden Preis unterstützen wollen. Er kennt es nicht, zu verlieren oder einem Geist unterlegen zu sein. Er weiß nicht, wie es ist, verliebt zu sein.

All das soll sich im Verlauf der Geschichte ändern. Dabei geht es aber nicht darum, die Leserschaft in eine rührende, unmögliche und darum tragische Liebesgeschichte zu entführen. Cas ist ein wirklich toller Erzähler. Er ist locker, schlagfertig, geht mit einem gewissen, leicht schwarzen Humor an die Sache heran. Dennoch wird das Geschehen nie ins Lächerliche gezogen. Im Gegenteil, so schwer und tragisch Cas‘ Situation auch wird, sie bleibt dadurch für die Figuren erträglich, macht das Unausweichliche leichter.

Einen Pluspunkt sammelt das Buch zudem, weil es das gängige Schema des aktuellen „Jugendbuch-Romantasy“ an einigen wichtigen Stellen durchbricht und dadurch viel spannender wird. Zum einen haben wir mit Cas einen männlichen Erzähler, der schon allein darum eine ganz andere Sicht auf die Dinge und deshalb einen völlig anderen Erzählstil hat. Zum anderen wird nichts beschönigt. Morde werden nicht ausgespart. Details werden sachlich wiedergegeben, verlieren dabei aber nichts von ihrer Schrecklichkeit. Abgesehen von den jungen Protagonisten würde ich „Anna im blutroten Kleid“ darum nicht einmal unbedingt zum Jugendbuchgenre rechnen.

Dadurch, dass diese Geschichte (mal wieder) aus der Ich-Perspektive einer einzigen Person (nämlich Cas) erzählt wird, bleiben die anderen Charaktere zwangläufig blasser. Dennoch finde ich, dass die Autorin hier einen guten Mittelweg gegangen ist.

Sie kommt näher. Ich schließe die Augen, aber ihre Bewegungen wehen wie ein Flüstern durch die Luft. Ich höre jeden dicken Blutstropfen, der auf den Boden fällt.
Ich öffne die Augen. Sie steht vor mit, die Göttin des Todes, mit schwarzen Lippen und kalten Händen.
„Anna.“ Ich ringe mir ein Lächeln ab.

– Blake: Anna im blutroten Kleid, S.92

Cas ist ein guter Beobachter und vermag es auch, das Verhalten der anderen Figuren zu analysieren. So werden die Besonderheiten der anderen Handelnden gut sichtbar. Zusammen mit Cas erkennen die Leser, dass die anderen sich nicht in die Schubladen stecken lassen, die er sich für sie überlegt hat: Carmel ist nicht nur die dümmliche High-School-Queen, wie Cas uns zu Beginn weismachen will. Thomas ist kein Schwächling, dessen einzige Daseinsberechtigung es ist, sich verprügeln zu lassen. Er ist nicht nur klug, sondern auch tapfer.

Dennoch bleibt das Problem, dass man nichts über die Menschen erfährt, mit denen Cas nicht unmittelbar zu tun hat, und auch die Vergangenheit und inneren Beweggründe seiner Freunde müssen so zwangsläufig im Dunkeln bleiben.

Fazit

Anna im blutroten Kleid von Kendare Blake fesselt mit einer unheimlichen und spannenden Geschichte, mit sympathischen Figuren und einem humorvollen Erzähler. Hat man einmal angefangen, möchte man das Buch nicht mehr aus den Händen legen. Da diese Geschichte ab und zu sehr brutale und grausame Passagen beinhaltet, würde ich es eher für ältere Jugendliche, etwa ab 15-16 Jahre, empfehlen. Für mich ist dieses Buch eine sehr positive Überraschung und ich freue mich schon sehr auf den zweiten Teil.

Bewertung

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Kendare Blake: Anna im blutroten Kleid I Heyne Verlag I 384 Seiten I 978-3-453-31419-1 I 8,99 Euro

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