Bücherschrank

{Rezension} Nick & Norah – Soundtrack einer Nacht von Rachel Cohn & David Levithan (+ Mini-Movie-Review)

Nick: „Das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam, aber könntest du für die nächsten fünf Minuten meine Freundin spielen?“ 
Norah: Als Antwort auf seine Frage lege ich meine Hände um seinen Hals und ziehe sein Gesicht zu mir runter.

Aus fünf Minuten werden sieben und dann eine ganze Nacht, in der Nick & Norah durch Clubs und Straßen ziehen, sich verlieren, verlieben und sich alles erzählen. ER, Bassist und Songschreiber einer New Yorker Undergroundband, immer noch nicht über Tris hinweg. SIE, Tochter eines Musikproduzenten, noch immer an der Trennung von Tal knabbernd, die bei IHM erstmals erfährt, was eine aufregende Romanze wirklich bedeuten kann … (Text von Verlagsseite)

Rezension

  ❧ Von Musik und Enttäuschung und Liebe und Verrücktheiten

Obwohl Rachel Cohns und David Levithans Biografien ein wenig an Nick und Norah erinnern, verweisen sie am Ende des Buchs darauf, dass dies nicht ihre persönliche Geschichte ist. Zusammen haben sie etwas Besonderes erschaffen: ein Buch, eine Geschichte, zwei Sichten, erzählt von zwei Autoren. Cohn schrieb Norah, Levithan schrieb Nick, und dennoch entstand eine tolle Geschichte ohne Brüche. Die Perspektive wechselt in jedem Kapitel.

„Dev brüllt, Thom taumelt herum, und ich bin das Uhrwerk, ich bin der, der das Ding, das alle Musik nennen, mit dem Ding, das alle Zeit nennen, zusammenbringt. Ich bin das Ticken, ich bin das Pulsieren, ich bin der, der in diesem Augenblick alles vorantreibt.“ (S.9, Nick)

Als Erstes kommt Nick zu Wort. Er ist nicht nur Bassist, er geht vollkommen in der Musik auf, verliert sich in ihr. Bei diesem Charakter bekommt die Floskel „Musik ist mein Leben“ eine ganz neue Dimension. Er ist ein selbstbewusster Typ, der seine Prinzipien hat, nett und hilfsbereit ist, aber auch vollkommen ausflippen kann – vor allem wenn die Töne stimmen. Es gibt jedoch etwas, das ihn ganz gehörig aus dem Gleichgewicht bringt: seine Ex Tris. Der Liebeskummer hat ihn hammerhart im Griff und das, was seine Gedanken fast permanent beherrscht, ist die Frage, wie er sie zurückgewinnen kann. Abgesehen von der Frage, wieso sie überhaupt Schluss gemacht hat. Daraus befreien kann ihn nur die Musik und nach und nach schleicht sich noch etwas anderes ein: Norah. Die Passagen von Nick empfand ich als angenehmer zu lesen. Ich konnte ihm und seinen Gedanken oftmals viel besser folgen, da er ein etwas geradlinigerer Erzähler ist als sein weibliches Pendant.

„Der Junge hinter dem Lenkrad sagt: „Hi. Ich bin Thom. Mit „Th“.“
Ich erkläre ihm: „Ich bin Gnorah. Mit „Gn“. Aber man spricht das „G“ nicht aus. Wie in „Gnocchi“.“
„Wirklich?“, sagt Thom.
„Nein. Nicht wirklich […]“ (S.49, Norah)

Norah ist Nick charaktermäßig recht ähnlich. Lehnt Alkohol und andere Drogen ab, opfert sich ständig für ihre Party besessene Freundin Caroline auf und vernachlässigt darüber ihr eigenes Leben. Auch bei ihr gibt es das „schwarze Schaf“ Exfreund. Im Gegensatz zu Nick kommt sie jedoch nicht von ihm los und führt eine On-Off-Beziehung, was sie oft handlungsunfähig macht. Ansonsten scheint sie aber sehr viel ausgeflippter zu sein als Nick, was sich auch stark in ihren Gedanken widerspiegelt. Ihre Passagen sind teilweise sehr wirr, das „Ohne-Punkt-und-Komma-Quatschen“ erreicht hier seinen Höhepunkt. Manchmal habe ich sogar den Faden verloren und musste den Satz (oder Abschnitt) noch mal lesen. Mit Norah konnte ich mich aufgrund dessen nicht so gut identifizieren. Ich empfand ihre Gedankengänge oft als extrem sprunghaft und anstrengend.

 Nicht alles ist so, wie es manchmal scheint

Tris spielt natürlich ebenso eine große Rolle wie die beiden Protagonisten. Zum einen, weil sie Handlungsauslöser für die ganze Geschichte ist, zum anderen weil sie Nicks Gedanken beherrscht wie fast nichts anderes. Sie wird eingeführt als das typische Mädel, das die Typen wechselt wie die Unterwäsche und auf nichts und niemanden achtet außer auf sich selbst. Dass dieses Bild nicht ganz auf sie passen will, zeigt sich immer wieder in Kleinigkeiten, an die sich Nick bzw. Norah im Laufe der Geschichte erinnern. Schließlich kommt sie in einem Gespräch mit Norah noch selbst zu Wort und lässt die Leserschaft erkennen, was ihre wirklichen Beweggründe sind. Es zeigt sich, dass auch Tris nicht nur das Stereotyp des jugendlichen Flittchens verkörpert, sondern dass auch ihr Charakter vielschichtiger ist, als man auf den ersten Blick denkt.

Wer nun die typisch kitschige Lovestory erwartet, die das Cover verspricht, könnte vielleicht etwas enttäuscht werden. Mit Nick und Norah prallen hier zwei Charaktere aufeinander, die sich in vielem sehr ähnlich sind und sich gegenseitig nicht in die Karten gucken lassen. Durch die Wahl der Ich-Perspektive für beide hat der Leser immer einen kleinen Vorsprung. Man kann dadurch bestens erkennen, wie sich der Gedanke an den jeweils anderen immer wieder einschleicht – ohne dass er bzw. sie es den anderen wissen lässt. Es ist unheimlich spannend, diese Entwicklung zu beobachten, gleichzeitig aber zur Verzweiflung getrieben zu werden, weil keiner der beiden den Mund aufmachen will. Der Aufbau der Geschichte ist folgerichtig. Man wird nicht malträtiert mit diesem „Liebe auf den ersten Blick“-Gedöns. Dafür haben die Charaktere viel zu viel persönlichen Ballast aus enttäuschten Liebschaften, den sie erst abbauen müssen. Das macht beide zu sehr komplexen und realitätsnahen Charakteren.

 Soundtrack im Kopf

Neben den Problemen mit den Exfreunden spielt für Nick und Norah die Musik eine besondere Rolle und dies hat sehr stark Eingang in den Text gefunden. Es geht sehr häufig um Bands, Songs und Musikgenres, die nicht gerade dem Mainstream entsprechen, was für einen – ich nenne es mal – unkundigen Leser durchaus problematisch werden kann. Trotz durchaus aussagekräftiger Beschreibungen stößt man hier doch hin und wieder an die Grenze seiner Vorstellungskraft.

Fazit

Das Experiment „Cohn und Levithan schreiben ein Buch aus zwei Perspektiven“ kann durchaus als geglückt bezeichnet werden. Beide Autoren schaffen es sehr schnell, ihrem jeweiligen Hauptcharakter eine Stimme zu verleihen und ihn zu einem komplexen und realistischen Individuum zu formen. Aber auch die Nebencharaktere kommen nicht zu kurz. Besonders von Tris, die sowohl Nick als auch Norah gut bekannt ist, wird so ein vielschichtiges Bild zusammengesetzt. Ein wenig Abzug gibt es jedoch für den teilweise sehr eigenwilligen und wirren Schreibstil (besonders bei Norah) sowie für die musikalische Problematik. Dennoch würde ich das Buch definitiv weiterempfehlen. Urteil: tiefgründige Gedanken, Poesie, ein paar Verrücktheiten, Romantik ohne Kitsch und das alles mit interessanten und komplexen Charakteren.

Bewertung
vier_sterne

nick-and-norahs-infinite-playlistMini-Movie-Review

Buch und Film: Beide Medien lassen sich meiner Meinung nach immer nur sehr schlecht vergleichen, da beide individuellen Möglichkeiten haben. Hier jedoch ging die Verfilmung für mich vollkommen vor den Baum. Dies lag besonders an den Charakteren, die man nicht oberflächlicher hätte darstellen können. Das, was dieses Buch ausmacht – die Tiefe der Gedanken, die Poesie, das gefühlvolle Herantasten an den anderen und das Verarbeiten von Vergangenem –, wurde hier geradezu böswillig ins Gegenteil verkehrt. Was am Ende blieb, war eine viel zu rasante und unglaubwürdige (weil unglaublich schlecht gespielte) Geschichte über die oberflächliche Partygeneration schlechthin.

Rachel Cohn & David Levithan: Nick & Norah – Soundtrack einer Nacht I cbj I 220 Seiten I 978-3-570-13126-8 I 9,95 Euro

Vorheriger Post Nächster Post

Das könnte dir auch gefallen

3 Kommentare

  • Antwort Bücherphilosophin 26. September 2013 at 16:33

    Das Buch hab ich ebenfalls sehr gerne gelesen; jung und wild war es. Es hat mir richtig Lust gemacht auch mal so ziellos durch die Straßen zu streifen und Abenteuer zu erleben. Auch wenn Liverpool natürlich nicht Manhattan ist :)
    Den Film möchte ich noch schauen. Auch auf die Gefahr hin, dass er mich so enttäuscht wie Dich. Ich bin einfach zu neugierig darauf und Michael Cera ist sein Juno und Scott Pilgrim einer meiner Lieblingsschauspieler – da kann ich nicht anders ;)

    LG, Katarina :)

    • Antwort tintenmeer 26. September 2013 at 17:05

      Hallo Katarina,

      ich will dich natürlich nicht abhalten! ;) Allerdings wäre ich im Nachhinein froh, ich hätte ihn nicht gesehen. Immer wenn ich nun an das Buch denke, sehe ich die Schauspieler vor mir, und die haben leider wirklich so gar keine gute Leistung angeliefert. Nach 10 Minuten habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, auszumachen, aber ich hab dann – Neugierde bedingt – bis zum Ende durchgehalten. Schade, dass dem Zuschauer vor allem so Wichtiges und Besonderes im Buch im Film so unreflektiert und lieblos vor den Latz geknallt wurde.

      Liebe Grüße
      Sandy

    Was sagst du dazu?