Wen der Rabe ruft von Maggie Stiefvater
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{Rezension} Wen der Rabe ruft von Maggie Stiefvater

Jedes Jahr im April empfängt Blue die Seelen derer, die bald sterben werden, auf dem verwitterten Kirchhof außerhalb ihrer Stadt. Bisher konnte sie sie nur spüren, nie sehen – bis in diesem Jahr plötzlich der Geist eines Jungen aus dem Dunkel auftaucht. Sein Name lautet Gansey, und dass Blue ihn sieht, bedeutet, dass sie der Grund für seinen nahen Tod sein wird. Seit Blue sich erinnern kann, lebt sie mit der Weissagung, dass sie ihre wahre Liebe durch einen Kuss töten wird. Ist damit etwa Gansey gemeint? (Klappentext)

Rezension

  Willkommen in Henrietta

Geister, Wahrsagerinnen, Flüche und Ley-Linien, das sind die Themen von Maggie Stiefvaters neuer Mystery-Reihe, die am Ende aus ganzen vier Bänden bestehen soll. Der Auftakt „Wen der Rabe ruft“ lässt hoffen, dass diese auch ordentlich gefüllt werden können, ohne dass sich die Geschichte allzu kaugummiartig in die Länge zieht.

In diesem ersten Band stehen das Kennenlernen der Charaktere, ihrer Eigenarten und Beweggründe, sowie die Einführung in die folgende Geschichte im Vordergrund. Dies geht sogar so weit, dass sich die Protagonisten (Blue und die Raven Boys) erst sehr spät persönlich treffen. Im ersten Teil des Buchs hat der Leser Gelegenheit, jede Figur individuell kennenzulernen und in das jeweilige Leben hineinzuschnuppern – ohne dass sich die Ereignisse überschlagen. Zusammenhänge und Hintergründe der folgenden Geschichte werden angedeutet. Man kann den Beginn als eher langsam und gemächlich beschreiben. Da die Autorin aber keine stereotypen Figuren in einem stereotypen Kleinstadt-Setting gewählt hat, wird es nicht langweilig.

„Irgendwann während des Frühstücks klingelte unweigerlich das Telefon und Maura sagte: „Für dich, Orla. Das Universum auf Leitung zwei“, oder etwas in der Art, während Orla und Jimi oder eine der anderen Tanten oder Halbtanten oder Freundinnen sich darum zankten, wer den Anruf in der oberen Etage annehmen musste.“ (S.40)

Blues Welt ist manchmal das absolute Chaos. Sie lebt mit tausend Tanten (und ihrer Mutter), die alle in irgendeiner Art und Weise Wahrsagerinnen sind, in einem Haus zusammen. Dieses Haus ist somit der sprichwörtliche Hühnerstall. Auf den Seiten, die in dieser verrückten Welt handeln, schwingt immer etwas Interessantes, etwas Mystisches mit und sie scheinen mit bunten Paisley-Mustern angemalt zu sein. Dieser Ort bildet das perfekte locker-leichte Gegenstück zu den Raven Boys, sprich Gansley, Adam, Ronan und Noah, mit denen sich Blue im Laufe der Geschichte anfreunden wird.

Die Jungs gehen auf die Aglionby-Academy, eine Schule für die klugen Sprösslinge der reichen Elite – das Rabenemblem an der Schuluniform verhilft zu ihrer Bezeichnung. Hier regiert das Geld, herrscht Erfolgsdruck, alles ist irgendwie kühl. Dass diese Jungen bei Normalsterblichen wie Blue als oberflächlich und unsympathisch gelten, ist offensichtlich. Dass dies alles nur Fassade ist, wird schnell klar. Die vier stellvertretenden Raven Boys sind nicht alle mit goldenem Löffel im Mund geboren und auch die, die es sind, haben mit einigen Dingen zu kämpfen. So richtig glücklich ist eigentlich keiner. Gansey ist sozusagen der Anführer der Gruppe, denn er ist die treibende Kraft und Ankerpunkt der sehr verschiedenen Charaktere. Er ist auf der Suche nach der mystischen Ley-Linie, die sich irgendwo nahe der Stadt befinden muss, und gibt der Gruppe damit ein Ziel, auf das sie hinarbeiten kann. Jeder der Raven Boys bemüht sich auf seiner Art, das Ganze zusammenzuhalten ohne sich dabei selbst zu verlieren.

Lasst die Suche beginnen

Erst im zweiten Teil des Buchs, nämlich wenn Blue sich den Jungs auf ihrer Suche anschließt, kommt die Handlung so richtig in Fahrt. Blue ist nämlich keine Hellseherin wie ihre Verwandten, sondern besitzt die Fähigkeit, Übersinnliches zu verstärken, sodass Ganseys Suche endlich handfeste Erfolge verzeichnen kann. Sehr positiv ist, dass diese Suche im Mittelpunkt der Ereignisse steht und die Autorin ihre Leserschaft vor einer gezwungenen und an den Haaren herbeigezogenen Lovestory verschont – eigentlich kaum zu glauben, wenn man sich die Mühe macht und den Klappentext durchliest. Dass sich hier ganz sicher (in den folgenden Bänden) noch eine hochdramatische Herzschmerzgeschichte entwickeln wird, deutet sich immer mal wieder an, dies wird aber gleich wieder von den viel wichtigeren Ereignissen der Geschichte überlagert.

Allerdings gibt es doch immer mal wieder kurze Passagen, in denen die Autorin sich etwas im Detail verliert. Hier spürt man die Bemühung, ein komplexes Werk mit einer gewissen Tiefe zu erschaffen, ein wenig zu sehr. Außerdem scheint auch die Übersetzung im einen oder anderen Fall ein wenig holprig oder seltsam zu sein. Bei manchen Formulierungen fragt man sich unwillkürlich, was denn hier wohl im Original gestanden haben mag.

Sprach der Rabe …

Abgesehen hiervon ist der Stil der Autorin sehr angenehm, oft humorvoll, nie zu überladen und doch überrascht sie immer wieder mit interessanten sprachlichen Bildern. Mit wenigen Worten erzeugt sie einen echten Sog, der einen die Welt um einen herum vergessen lässt. Eine Floskel? Nein, hier definitiv nicht. Gerade Kleinigkeiten sind es, auf die sie verweist, die der Geschichte Leben einhauchen und sie von anderen abheben.

„Doch am Tag nach der Kirchwache musste Blue sich ausnahmsweise keine Sorgen machen, wie sie im Kampf um das Badezimmer abschneiden würde oder ob es ihr gelang, sich ein Pausenbrot zu schmieren, während Orla ihren Toast auf die gebutterte Seite fallen ließ.“ (S.41)

Fazit

„Wen der Rabe ruft“ ist der durchaus gelungene Auftakt einer neuen Reihe von Erfolgsautorin Maggie Stiefvater. Da sich diese auf ganzen vier Bänden ausdehnen soll, nimmt sich dieser erste die Zeit, um sich auszubreiten, er überstürzt nichts und gibt auch dem Leser Möglichkeit, in Henrietta anzukommen, die Charaktere und die Hintergründe kennenzulernen. Dabei kommt die Spannung jedoch nicht zu kurz.

Bewertung
vier_sterne

Maggie Stiefvater: Wen der Rabe ruft I Script 5 I 460 Seiten I 978-3-8390-0153-0 I 18,95 Euro

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2 Kommentare

  • Antwort Federtraum 2. Februar 2014 at 17:03

    Hallo! :)

    Deine Rezension gefäält mir richtig gut. :)
    Ich habe das Buch gerade bekommen und lege gleich los.
    Danke.

    Liebe Grüße,
    Federtraum

    • Antwort tintenmeer 3. Februar 2014 at 10:16

      Hallo Federtraum,

      das freut mich sehr. Ich wünsche dir viel Spaß mit dem Buch. Mal sehen, wie du es findest. ;)

      Liebe Grüße
      Sandy

      PS. Gehe gleich mal auf deinem Blog stöbern, wir haben ja anscheinend den gleichen Geschmack. *g*

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