Rezension Die Glasglocke von Sylvia Plath | Klassiker | Depression | Selbstmord | Rory Gilmore | Tintenmeer
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{Rezension} Die Glasglocke von Sylvia Plath

Esther Greenwood könnte sich glücklich schätzen, denn sie wurde unter vielen Bewerberinnen ausgewählt, eine vierwöchige Hospitanz bei einer New Yorker Modezeitschrift zu machen. Mit auf dem Plan stehen für diese Zeit rauschende Partys, Restaurants, Ausstellungen und haufenweise Geschenke bestehend aus Kleidern, Schmuck und Make-up. Klingt nach einem Mädchentraum. Doch Esther bemerkt, dass sie für all das nicht empfänglich ist. Die strebsame Studentin findet an nichts gefallen. Auch bei den Männern hat sie kein Glück. Und als sie kurz vor Ende für ein Foto sagen muss, was sie einmal beruflich machen will, bricht sie weinend zusammen. Eine Abwärtsspirale beginnt. Die Glasglocke senkt sich anscheinend unaufhaltsam über sie, schneidet sie ab von der Welt um sie herum …

Persönliche Lesemotivation

Rezension Die Glasglocke von Sylvia Plath | Klassiker | Depression | Selbstmord | Rory Gilmore | TintenmeerAuch wenn ich diesen Punkt sonst nie zu einer Rezi hinzuschreiben, soll es dieses Mal so sein, denn das Buch passt eigentlich nicht so sehr in mein Freizeitleseverhalten. Ich habe schon viele (ich nenne es mal) Klassiker gelesen, aber davon sehr wenige amerikanische Autoren. In meinem „Reading Journal for Book Lovers“ gibt es aber eine ganze Latte von Bestsellerlisten: BBC, Times Magazin, Pulitzer Preise, aber auch Leseanregungen aus verschiedenen Genres (Abenteuer, Kinderbuch usw.). Dass das Journal aus Kanada kommt, spiegelt sich stark wider. Viele Titel sind mir ein Begriff, gelesen habe ich sie aber nicht. Und das soll sich ändern. Ich habe spontan mit diesem hier angefangen.

Rezension

„Oh Gott, nein, das war mir zu verrückt!“ Das war erste Reaktion, die von Freunden kam, die hörten, dass ich dieses Buch lese. Abschrecken lasse ich mich nicht, teilweise muss ich dem aber rechtgeben.

Esther Greenwood ist Protagonistin und Ich-Erzählerin. Letzteres ist in so einer Geschichte ein Muss, um sie zu verstehen. Dennoch war es nicht immer einfach. Esther ist die Musterschülerin, schreibt Einsen, ist lieb, zurückhaltend und geht ihren Weg. So denkt zumindest ihre Umwelt. Doch als die Geschichte beginnt, ist sie schon längst davon abgewichen. Sie ist dabei, sich zu verlieren. Der Monat in New York scheint ihr mehr und mehr vor Augen zu führen, was sie nicht ist. Unglücklicherweise weiß sie auch nicht, was sie sein will. Dadurch ist sie oft sprunghaft, erinnert sich anscheinend willkürlich an Ereignisse und Gespräche aus ihrer Vergangenheit. Als Leser wird man immer wieder von einem Moment in den nächsten in eine frühere Situation geworfen. Das ist wirklich anstrengend und oft weiß man gar nicht, was das in dem Augenblick bezwecken soll. Hier kann ich nur sagen: Augen zu (oder doch lieber auf beim Lesen!) und durch. Es hat schon seinen Sinn.

Während Esther in New York wie ein Bötchen auf dem Wasser haltsuchend mal hierhin und mal dorthin treibt, verschlimmert sich ihr Zustand zu Hause drastisch. Beruflich wird sie enttäuscht und auch die Vorschläge ihrer Mutter zeigen für sie nur Wände, keine Freiheit. Die Situation spitzt sich immer weiter zu, Esthers Depressionen werden schlimmer, ihr einziger Ausweg scheint der Selbstmord zu sein. Doch an der Stelle will ich nicht mehr verraten.

Ich stehe dem Buch persönlich zwiegespalten gegenüber. Beim Lesen empfand ich es oft als wahnsinnig verwirrend, manchmal ging es mir regelrecht auf die Nerven. Es ist nicht einfach, einen Zugang zu Esther zu finden, und ich behaupte nicht, dass es mir völlig gelungen wäre. Trotzdem schaffte es die Autorin, mich immer wieder bei der Stange zu halten oder mich mit grandiosen Sätzen gnädig zu stimmen. Trotz allem Wahnsinn in diesem Buch es hat auch viel Wahres, sie trifft den Nagel auf den Kopf. Man schafft es, sich selbst wiederzuerkennen. Das liegt am Thema.

„Die Glasglocke“ zeigt nicht nur, in welchen engen Grenzen sich eine junge Frau in den 50er Jahren bewegte, welche Erwartungen an sie gestellte wurden. Vielmehr verdeutlicht es eine Situation, in der sich fast jeder Mensch einmal befindet – vorwiegend wahrscheinlich im jungen Erwachsenenalter: die Identitätskrise, das Sich-finden-müssen und ebenso das Einen-Platz-in-der-Welt-für-sich-finden-müssen. Daran scheitern einige. Auch Esther droht, daran zu verbrechen. Und hier in der Frage, ob sie es schafft oder nur eine Flucht aus dem Leben bleibt, liegt die Spannung.

Fazit

„Die Glasglocke“ von Sylvia Plath ist kein leichtes Buch. Es macht es einem eher leicht, aufzugeben. Die Erzählerin Esther ist sprunghaft, weil sie nicht weiß, wohin sie will, und das schlägt sich auf den Text nieder. Das kann das Lesen zum Teil sehr anstrengend machen. Den roten Faden sucht man anscheinend vergeblich. Aber rückblickend betrachtet gibt es ihn. Wer durchhält, wird mit einer berührenden und schockierenden Geschichte um ein Mädchen belohnt, das versucht, seinen Weg in der Welt zu finden.

Bewertung

drei_sterne

E-Book I 262 Seiten I Suhrkamp Verlag I Kindle Edition I 19,99 Euro

(Meiner Meinung nach ein absolut unverschämter Preis für ein E-Book. Ich hatte es von der Onleihe. Darum hier noch die TB-Alternative: Taschenbuch I 262 Seiten I Suhrkamp Verlag I 978-3-51845676-7 I 8,99 Euro)

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1 Kommentar

  • Antwort Suey 10. August 2014 at 23:24

    Zu allererst: WOW! 19,99€???? WTF?
    Ich hab die Glasglocke (oder eher The Bell Jar) auch im meinem Regal stehen und einfach nur wow, wieso ist das Buch so teuer als ebook? Geradezu lächerlich.

    Deine Rezension finde ich verständlich, klar, verwirrend, und wenn ich es nicht im Laufe eines Seminars gelesen hätte, mit dem ganzen Background wäre es auch definitiv nicht zu einem meiner Lieblinge geworden – aber es ist gerade so ein beeindruckendes Buch, weil es Sylvia Plaths einziger Roman ist und es semi-autobiografisch ist, also so unglaublich viel über Sylvia Plath verrät.

    Toll das du versuchst deinen Horizont ein wenig zu erweitern :)

    Liebe Grüße,
    Suey

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