Plauderstündchen

Plauderstündchen: Von Priestern, eigenwilligen Charakteren und Schreibwundern

Interview mit Nadja Losbohm

Sie liebt das Malen, Zeichnen, Fotografieren, die Musik und natürlich das Schreiben. Ihre Jägerin-Reihe (bisher sind 3 Bände erschienen) brachte sie komplett in Eigenregie heraus. Da fragt man sich: Wie bekommt man das alles mit dem Alltag vereint? Muss man sich mit störrischen Figuren herumschlagen oder tanzen die immer nach der Pfeife ihrer Autorin? Nadja Losbohm war so freundlich diese brennenden Fragen – und mehr – zu beantworten.

Tintenmeer: Beginnen wir doch gleich mit einer unkonventionellen Frage! Als Brandenburgerin bist du – wie ich – ein waschechter Ossi. Wir „von drüben“ haben es ja größtenteils nicht so mit der Religion. Trotzdem schreibst du eine Geschichte, in der religiöse Elemente eine zentrale Rolle spielen: ein Priester als Protagonist, das Hauptsetting in einer Kirche. Hast du eigentlich die Bibel gelesen? 

Nadja Losbohm: Ich habe tatsächlich eine Bibel und habe sie auch gelesen. Als Jugendliche habe ich sie geschenkt bekommen und ich finde, „Das Buch der Bücher“ sollte man schon mal in seinem Leben gelesen haben. Wer hätte wissen können, dass sie mir Jahre später Inspiration liefert, denn ich zitiere ab und an in „Die Jägerin“ Bibelverse, die zur jeweiligen Stimmung passen und auch zu der besonderen Atmosphäre beitragen, die mein Buch ausmacht.

Tintenmeer: Was ist noch als Inspiration in dein Buch eingeflossen?

Nadja Losbohm: Ganz entscheidend für die Entstehung der Geschichte waren ein paar Dinge. Zum Beispiel wohne ich in unmittelbarer Nähe zu einer kleinen Kirche, die mich zum Handlungsort inspiriert hat. Es gibt auch ein reales Vorbild für eine der Hauptfiguren: Pater Michael. Wer das ist, wird nicht verraten! Aber ohne ihn gäbe es diese ganze Geschichte gar nicht. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar! Sicherlich gibt es auch Verbindungen zum wirklichen Leben. Hier und da verwendet man immer eigene Erlebnisse, schöpft aus den Erinnerungen und was man selbst in bestimmten Momenten empfunden hat.

Fest steht jedenfalls, dass Ada, die Jägerin, und ich die Abneigung gegen Rosenkohl mit Muskatnuss teilen. Als Kind bin ich deswegen bei uns zu Hause sogar in den Hungerstreik getreten! Beim Schreibstil haben mich die Bücher von Karen Marie Moning um die Protagonistin MacKayla Lane inspiriert, die in der Ich-Form und einfach locker geschrieben sind. Sehr toll! Musik spielt ebenso eine große Rolle, denn sie kann über die eine oder andere Schreibhürde hinweghelfen.

Tintenmeer: „Erlebst“ du dein Schreiben?

Nadja Losbohm: Ich glaube, so etwas bleibt nicht aus. Als Autor(in) baut man eine enge Beziehung zu seinen Figuren auf, somit liebt, lacht und leidet man mit ihnen. Man schließt sie ins Herz. Sie werden ein Teil von einem. Es gibt in „Die Jägerin“ einige lustige Momente, wo ich selbst beim Schreiben schmunzeln musste. Aber ebenso sehr gibt es ruhige, nachdenkliche und traurige Augenblicke, wo ich einen dicken Kloß im Hals und Tränen in den Augen hatte, als ich sie geschrieben habe.

Tintenmeer: Wenn Figuren zum Leben erwachen, entwickeln sie manchmal auch einen eigenen Willen. Musstest du dich schon mal nach deinen Figuren richten? Wollten sie schon mal was ganz anderes (tun), als du eigentlich schreiben wolltest?

Nadja Losbohm: Du hast recht. Ab einem bestimmten Punkt entwickeln sich die Charaktere, bilden einen eigenen Willen und führen beinahe ein Eigenleben. Es ist ein paar Mal vorgekommen, dass sich die Geschichte plötzlich in eine Richtung entwickelte, an die ich so zuvor nicht gedacht hatte. So gesehen musste ich mich dann der Vorgabe meiner Figuren beugen. Aber es gab auch schon „Diskussionen“, wo ich das letzte Wort hatte! :-)

Tintenmeer: Meistens hat man eine Vorstellung von seinen Figuren und weiß, wofür man sie sich ausdenkt. Hast du die schon mal einen Charakter ausgedacht, der im Laufe des Schreibens zu einem ganz anderen wurde?

Nadja Losbohm: Ja, allerdings. Im dritten Teil von „Die Jägerin“ taucht eine Person auf, von der ich angenommen hatte, sie würde nach diesem Band wieder verschwinden und keine weitere tragende Rolle haben. Ich habe keine sehr strukturierte Arbeitsweise, eher eine chaotische, wenn ich an einem Buch schreibe. Somit hatte ich auch mit dieser Person keinen wirklichen Plan, und als sich ihre Geschichte immer weiter spann, war ich sehr überrascht, dass diese Figur doch noch zu ihrem großen Auftritt kam. Wie schon gesagt: Manchmal führen die Charaktere ein Eigenleben. Vielleicht war dieser hier etwas beleidigt, weil ich ihn aus der Reihe kicken wollte, und hat mich deshalb in diese Richtung gedrängt. Ich denke aber auch, dass es gut ist, wenn eine neue Figur dazukommt. Das bringt mehr Dynamik in ein Buch.

Tintenmeer: Wie behältst du denn dann den Überblick?

Nadja Losbohm: Eine gute Frage! Vielleicht liegt es daran, dass ich so wahnsinnig viel Zeit mit meinen Geschichten verbracht habe. Ganz besonders mit „Die Jägerin“. An diesen Büchern arbeite ich seit zwei Jahren ununterbrochen. Dieses Projekt liegt mir sehr am Herzen, daher habe ich viel Energie, Arbeit, Nerven, Zeit und Herzblut da hineingesteckt.

Nicht strukturiert bedeutet bei mir, dass ich mir vorab keinen Plan mache, wie ein Buch sein soll. Ich schreibe nicht wie viele andere eine grobe Fassung und baue diese dann aus. Ich habe eine anfängliche Idee, die einfach aus mir heraus will, die mich begeistert und die ich dann weiter vorantreibe. Ich schreibe drauf los und warte ab, was passiert. Sicherlich etwas unorthodox, aber bisher hat es gut funktioniert.

Tintenmeer: Wie sieht denn so ein typischer Tag bei dir aus?

Nadja Losbohm: Hauptberuflich mache ich etwas anderes. Von Montag bis Freitag bin ich Zahnarzthelferin. Daher fällt das Schreiben entweder in den Nachmittag bzw. Abend oder aufs Wochenende. Dann stehe ich gern schon früh auf und beginne mit dem Schreiben, weil es da im Haus noch ruhig ist. Je nachdem, wie die Inspiration ist, schreibe ich solange, wie ich kann. Dabei sitze ich mit einem Cappuccino an meinem Schreibtisch vor dem Fenster, und wenn ich mal nicht weiter weiß, schaue ich hinaus und lasse den Blick schweifen. Das hat schon so manches „Schreibwunder“ bewirkt. Die längste Schreibsession war übrigens etwa sieben Stunden lang. Da hatte ich einen richtig guten Lauf, wie man so schön sagt. Wenn alles passt und die Ideen nur so auf einen einprasseln, vergisst man gern schon einmal die Zeit.

Tintenmeer: Du schreibst bisher ausschließlich Fantasy. Ich nehme an, du liest das Genre auch gern. Welche Bücher haben dich besonders beeinflusst und inspiriert?

Nadja Losbohm: Meine Begeisterung für dieses Genre fing mit „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende schon früh an. Vielleicht war das der Grundstein dafür, dass ich selbst Fantasy schreibe. Ich lese generell sehr viel, am meisten Fantasy, aber manchmal mischt sich auch ein Thriller darunter. Meine Lieblingsautoren sind J.R.R. Tolkien, J.K. Rowling, Simon Beckett, Cody MacFadyen, Jonathan Nasaw und Karen Marie Moning, wobei Letztere mich mit ihrem Schreibstil sehr begeistern konnte. Ihre Bücher sind einfach großartig, unterhaltsam, witzig, haben Spannung und Liebe und auch ruhige, nachdenkliche Momente: eine perfekte Mischung. Ich hoffe, das ist mir bei meiner Geschichte auch gelungen!

Tintenmeer: Kannst du dir vorstellen, auch mal was ganz anderes zu schreiben?

Nadja Losbohm: Vorstellen kann ich es mir zurzeit nicht. Man soll ja nie „nie“ sagen, aber ich bin einfach eine Träumerin. Ich lasse mich selbst gern lieber in fremde und fantastische Welten entführen und möchte auch meine Leser mit auf Reisen nehmen, wo sie seltsame Kreaturen kennenlernen, träumen und der Realität entfliehen können. Die Wirklichkeit erleben wir alle jeden Tag zur Genüge, da ist es doch schön, wenn man eine Möglichkeit hat abzutauchen – und wenn es nur zwischen die Seiten eines Buches ist.

Tintenmeer: Dream a little dream! Beschreibe bitte kurz deine ideale Welt, in die du dich gern mal entführen lassen würdest.

Nadja Losbohm: Meine ideale Welt, in die ich mich gerne mal entführen lassen würde, wäre eine Mischung aus den Welten von Harry Potter, Die Chroniken von Narnia und Herr der Ringe. Es gäbe dort die schönsten Landschaften, sämtliche Lebewesen, die man sich vorstellen kann, und Magie. Aber bitte nur gute und keine Kämpfe und Sorgen! :-)

Die Heimat und die Lebensweise der Hobbits wären sicher sehr angenehm. Und es müsste so eine riesige Bibliothek geben wie in Harry Potter. Dann könnte man es sich gut gehen lassen! Allerdings würde ich auch gerne mal in meine eigenen erschaffenen Welten reisen wollen: in die Stadt Sestril mit ihrem weißen Schloss, in das Reich der Feen und auch in die St. Mary’s Kirche aus „Die Jägerin“, unter der eine unterirdische Anlage liegt, wo die Jägerin und ihr Lehrer Pater Michael leben.

Tintenmeer: Wir haben mit der Religion begonnen, enden wir doch mit der Philosophie: Eine Welt ohne Kämpfe und Sorgen, wo nur die Guten leben? Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Wäre es da nicht schrecklich öde? Würden die Leute da nicht bald sehr unglücklich und deprimiert sein?

Nadja Losbohm: Auf diese Frage antworte ich mit einer Gegenfrage: Ist eine Welt, in der es Ungerechtigkeiten gibt, Kriege auf dem Rücken der zivilen Bevölkerung ausgetragen werden, es Krankheiten gibt, bei denen man machtlos daneben stehen und zusehen muss, weil es keine Heilung gibt, besser als eine, in der die Lebewesen friedlich miteinander umgehen, fröhlich und ohne Grausamkeiten leben? Welches Leben ist deprimierender: ein angsterfülltes Leben oder ein sorgenfreies, konfliktfreies Leben?

Tintenmeer: Lassen wir das so stehen. :) Vielen Dank für das tolle Interview, liebe Nadja!

Über die Autorin

Nadja Losbohm wurde 1982 in Hennigsdorf/ Brandenburg geboren, lebt aber seit ihrem 6. Lebensjahr in Berlin. Künstlerisches wie malen und fotografieren hatte es ihr schon immer angetan. Das Schreiben kam mit 19. Es sollte aber noch 10 Jahre dauern, bis das Erstlingswerk „Alaspis – Die Suche nach der Ewigkeit“ fertig geschrieben wurde und sie Suche nach einem Verlag begann. Am 15.10.2012 erschien die märchenhafte Saga schließlich im novum Verlag. Anschließend begannen die Arbeiten an „Die Jägerin – Die Anfänge“, eine Mischung aus Sci-Fi und Fantasy-Romance mit einem Spritzer Humor. Bisher sind die Fortsetzungen „Die Jägerin – Blutrausch“ (Teil 2) und „Die Jägerin – Vergangenheit und Gegenwart“ (Teil 3) als Ebook und Taschenbuch erschienen. Derzeit arbeitet die Autorin am vierten Teil der Reihe, dessen Veröffentlichung für Herbst 2014 geplant ist, und an einer englischen Version des ersten Teils.

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2 Kommentare

  • Antwort absinthefreund 14. August 2014 at 14:58

    Ich entdecke gerade deine „Plauderstündchen“ – tolle Sache! Da schmöker ich gleich mal weiter …

    • Antwort tintenmeer 15. August 2014 at 19:06

      Das freut mich! :) Viel Spaß beim Stöbern!

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