Siri Linderg Lilienwinter
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{Rezension} Lilienwinter von Siri Lindberg

Für mich, die Leserin, ist die Reise, auf die ich Jerusha und Kiéran begleitet habe, schon viele Jahre her. Für die beiden Protagonisten aus „Nachtlilien“ ist seitdem kaum Zeit vergangen. Nun leben sie gemeinsam als Paar in Jerushas Heimatdorf Loreshom. Ihr Glück könnte perfekt sein, wenn die Autorin im ersten Teil nicht Luft gelassen hätte – für einen Krieg und einen allzu niederträchtigen Gegner. Hat sie aber und so kommen unsere beiden Helden nicht lange zur Ruhe.

Neues Unheil ist in „Lilienwinter“ nicht fern. Spione der Eliscan melden Kriegsvorbereitungen in der Welt der Menschen. Um diesen Vorwurf zu entkräften, sollen Jerusha und Kiéran den König der Elis Aénor, Qedyr, und seine beiden Gefährten durch Ouenda führen und nach Hinweisen suchen. Auf der abenteuerlichen Reise lernen die Eliscan, die Menschen besser kennen, doch gleichzeitig erhebt sich der alte Feind zu neuer Stärke. Aláes greift nach der Macht im Reich der Elis Aénor und er sinnt auf Rache an den Menschen.

Nach langen Jahren durften meine Füße nun also wieder den faszinierenden Boden von  Ouenda beschreiten – zumindest imaginär. Ich muss zugeben, dass ich mich schon ziemlich gefürchtet habe, dieses Buch zu lesen. Ich dachte, die Zeit habe viel zu viele der alten Erinnerungen weggewaschen. An der Stelle muss ich der Autorin Siri Lindberg wirklich ein Lob aussprechen, denn sie zeigte sich sozusagen klug und gnädig: Alles beginnt mit „Was bisher geschah“. Gott sei Dank! Was folgt, ist eine wirklich sehr detaillierte Zusammenfassung des ersten Bands dieser Geschichte. „Nachtlilien“ war mit schlappen 592 Seiten 2010 erschienen. Und auch wenn ich das Buch wirklich großartig gefunden hatte, konnte ich mich an nicht viel mehr als die Eckdaten der Geschichte erinnern. So wird es sicher vielen gehen nach so langer Zeit und ich freue mich wirklich, sagen zu können: Nur mutig voran, Wanderer, du musst dir keine Sorgen machen, denn die Autorin lässt dich hier nicht im Stich! :)

Nachdem nun alle Erinnerungen wieder aufgefrischt waren, war ich Feuer und Flamme für die Geschichte und die ganze Welt, die so gekonnt darum gesponnen wurde. Doch zumindest für mich kam dann – und ich sagt das wirklich ungern – das böse Erwachen. Ich war wirklich enttäuscht über das nun Folgende. Der alte Zauber wollte für mich einfach nicht wieder aufleben.

Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin von dem stark zusammenkürzenden Stil der Einleitung plötzlich nicht mehr wegkam. Statt bildlicher Beschreibungen und intensiver Dialoge gab es häufig nur ein etwas aufgefüttertes Plotgerüst. Zudem wurden viel zu oft völlig unwichtige Handlungsabläufe bis zum Schluss beschrieben, statt einfach zum nächsten relevanten Ereignis überzugehen. Dadurch wirkte die Geschichte oft unfertig und nicht final durchdacht.

Besonders aufgefallen ist mir dies z.B. in einem Abschnitt aus dem Erzählstrang von Silmar, dem Neffen Aláes‘. Auf nur zwei Seiten und ohne optische Trennung folgen:

  • eine Zusammenfassung der Situation im Land der Elis Aénor, das aufgrund des Zustands der Königin führerlos ist
  • eine Sequenz zwischen Silmar und einem Freund im Bad: Hier erfährt der Leser von einer geplanten Zeremonie – mehr aber auch nicht. Ausgeschmückt durch Informationen, die an der Stelle einfach überflüssig sind, wie z.B. dass drei Schwäne die wohlriechenden Essenzen herbeitragen
  • die angesprochene Zeremonie einige Tage später in den Gemächern der Königin, an der Silmar teilnimmt – warum auch immer. Also der einzig wichtige Teil dieses ganzen Abschnitts, der dann auch nur ganz kurz zusammengefasst wird.

Warum eine so umständliche, spannungslose Heranführung an ein Ereignis, das selbst auch wieder nur in wenigen Sätzen abgehandelt wird? Bei dieser und einer ganzen Reihe ähnlicher Szenen wird meiner Meinung nach viel Potenzial verschenkt. Außerdem machte es mir dieser seltsame „Telegrammstil“ unglaublich schwer, wirklich in die Geschichte einzutauchen.

Erst gegen Ende schien die Autorin mehr zu dem zurückzukehren, was ich von ihr kannte. Die einzelnen Plot-Stücke fanden endlich mehr und mehr zusammen, erzeugten Spannung, ergaben Sinn, formten eine Geschichte, die man nicht mehr aus der Hand legen wollte.

Was mir an diesem Teil dann doch wieder gut gefallen hat, war die Auffächerung der Geschichte in verschiedene Erzählstränge. Neben denen von Jerusha und Kiéran wurde die Story so auch mit den Erzählperspektiven von Silmar und der des Drachen Koriónas aufgefüttert. Beides waren übrigens Geschichten, die mich schließlich mehr fesseln konnten als die der beiden Protagonisten. Wie es hier weitergeht, das interessiert mich doch brennend.

Fazit

Auch wenn ich es nicht gern sage, so hat mich dieser zweite Teil der wunderschönen „Nachtlilien“-Geschichte doch sehr enttäuscht. Der Plot und seine Umsetzung erschienen mir an vielen Stellen nicht final durchdacht. Für meinen Geschmack wurde viel zu viel Energie auf Nebenschauplätzen verbraucht. Verschiedene wichtige Stellen kamen hingegen viel zu kurz. Gegen Ende schien die Autorin aber wieder mehr zu alter Form aufzulaufen. Das und die beiden doch spannenden Erzählstränge von Koriónas und Silmar haben mich gewissermaßen zum Ende dieses Teils hinübergerettet – und doch noch ein bisschen gnädig gestimmt. Den dritten Teile lese ich auch noch und hoffe wieder auf Großes.

Siri Lindberg: Lilienwinter | 978-3-8495-9035-2 | 332 Seiten | gebunden | 21,99 Euro

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