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{Rezension} Die Wahrheit von Melanie Raabe

Vor sieben Jahren ist der reiche und zurückgezogen lebende Geschäftsmann Philipp Petersen während einer Südamerikareise spurlos verschwunden. Seither zieht seine Frau Sarah (37) den gemeinsamen Sohn alleine groß. Doch dann erhält Sarah wie aus heiterem Himmel die Nachricht, dass Philipp am Leben ist. Die Rückkehr des vermeintlichen Entführungsopfers löst ein gewaltiges Medieninteresse aus.

Sarah hat zwiespältige Gefühle, nach all der Zeit verständlich. Sie hat eine harte Zeit hinter sich. Gerade war sie dabei, sich von der Vergangenheit zu lösen. Ihr Ehemann taucht, wenn man so will, zur Unzeit auf. Was wird werden? Gibt es eine gemeinsame Zukunft?

Sie ist auf alles vorbereitet, nur auf das eine nicht: Der Mann, der aus dem Flugzeug steigt, ist nicht der, als der er sich ausgibt. Es ist nicht ihr Ehemann. Es ist ein Fremder – und er droht Sarah: Wenn sie ihn jetzt bloßstelle, werde sie alles verlieren: ihren Mann, ihr Kind, ihr ganzes scheinbar so perfektes Leben … (Klappentext)

Rezension

Ein neues Buch von Melanie Raabe – ein MUSS für mich, denn ich fand ihr Debüt „Die Falle“ richtig, richtig gut! Es ist genial geschrieben, psychologisch tiefgründig und sauspannend! Aber konnte mich ihre zweite Veröffentlichung auch wieder überzeugen? Ich erzähl´s euch …

Ich bin sofort in der Story angekommen, denn der Schreibstil von Melanie Raabe ist eine Klasse für sich! Anspruchsvoll und gleichzeitig leicht zu lesen, routiniert und ausgereift, als wäre die Autorin schon ein „alter Hase“ im Geschäft. Man kann perfekt in die Gedanken der Protagonistin eintauchen und ich habe mit ihr mitgefiebert! Ich mochte dabei vor allem den psychologischen Aspekt, der hier gut ausgeleuchtet wird. Verdrängung, Schuld, Verleugnung – genug Stoff, um darüber nachzugrübeln. Besonders gefallen haben mir die  schönen Metaphern und die melancholische Grundstimmung. Außerdem habe ich mir mehrere zitierwürdige Stellen markiert, die mich persönlich angesprochen haben und treffende Beobachtungen über die menschliche Natur bieten.

Ich habe gleich von Anfang an gerätselt und stellte wilde Vermutungen an, die ich gleich wieder verwarf. Die Story hätte zu jeder Zeit in alle Richtungen gehen können. Es war wie ein Fluss, der sich in viele verschiedene Arme teilt, so liebe ich das!

Am Anfang tauchen wir in Sarahs normalen Alltag ein, bevor der Fremde in ihr Leben tritt. Dabei habe ich vor allem ihren cleveren Sohn lieb gewonnen und ihre Nachbarin, die nur in Reimen spricht, um sich fit zu halten. Eine schöne Idee. :) Dann kehrt auch schon der Fremde, ihr vermeintlicher Ehemann in ihr Leben zurück und bringt ihr sorgsam aufgebautes Weltbild ins Wanken. Eine tolle Ausgangssituation, aus der man noch mehr hätte machen können. So wirklich viel Weltbewegendes passiert leider nicht. Irgendwie schafft es Melanie Raabe aber trotzdem, eine durchgehende Grundspannung zu halten, sodass ich einfach nicht aufhören wollte zu lesen – Chapeau!

Melanie Raabe Die Wahrheit Coverbild

Zwischendurch liest man immer wieder Kapitel aus Sicht des Fremden, die aber leider nichts wirklich Neues zur Geschichte beitragen und eher kryptisch bleiben. Sie hätten eigentlich auch weggelassen werden können. Viele Nebencharaktere tauchen in der Story auf, die aber leider nur Stichwortgeber sind und nicht näher beleuchtet werden. Ich hatte mindestens einen von ihnen als Täter im Verdacht, aber ich hab auch erwartet, dass sie nochmal eine größere Rolle spielen – dem war leider nicht so.

Gut umgesetzt fand ich die Darstellung von Sarah, einerseits liebende Mutter und auf der anderen Seite verbrigt sie ein düsteres Geheimnis … Oder doch nicht? Man zweifelt, dank clever eingestreuter Hinweise, immer wieder an ihr, was absolut meinen Geschmack getroffen hat, denn ich liebe unzuverlässige Erzähler! Dieses Element hat mich auch ein bisschen an „Die Falle“ erinnert, nur dass es da etwas besser und intensiver rübergebracht wurde.

Ich finde, „Die Wahrheit“ ist kein wirklicher Thriller, eher ein Drama oder Roman mit Spannungselementen. Vielleicht sollte man das vor dem Lesen wissen, um nicht mit falschen Erwartungen heranzugehen. Die Handlung flutschte mir die ganze Zeit wie ein Aal durch die Finger und ist nie 100 % zu fassen. Dabei erreicht sie leider auch nicht ganz die Klasse von „Die Falle“. Und den Vergleich muss ich hier leider ziehen, weil ich nun mal ihr Debüt kenne und liebe. :)

Das klingt jetzt alles so kritisch, aber ich mochte die Geschichte bis hierhin (kurz vor Schluss) richtig gern und habe in Windeseile gelesen, weil ich UNBEDINGT wissen wollte, was denn nun die düstere Wahrheit hinter all dem ist! So weit – so gut! Tja, und dann kam das Ende … *tief seufz* Entschuldigt den Ausbruch, aber: WAS ZUR HÖLLE WAR DAS DENN??? o.O Es war weder spannend, noch überraschend, noch spektakulär, es war einfach NICHTS! :(

Ich muss sagen, ich habe mich von der Autorin ein bisschen „veräppelt“ gefühlt und irgendwie auch von den Charakteren selbst. Es wären wirklich ALLE Alternativen besser gewesen als DAS! So bleibt viel Wind um nichts. Ich hatte mindestens eine Million spannender Theorien und dachte die ganze Zeit, es kommt noch ein genialer Twist, aber es kam keiner. Dabei gab es so viele Möglichkeiten für Täter und unvorhergesehene Entwicklungen, aber darauf wurde leider nicht zurückgegriffen. Auch wirken manche Begebenheiten und Handlungen im Nachhinein unlogisch und konstruiert. Das ist so so  schade, weil es mich ansonsten (fast) perfekt unterhalten hat!

Fazit

Eigentlich stimmt (fast) alles: Es wird ordentlich Spannung aufgebaut, der Schreibstil ist preisverdächtig, die Ausgangssituation interessant und die Verwirrung komplett. Ich habe das Buch bis kurz vor dem Ende verdammt gern gelesen und hatte Millionen von Theorien im Kopf, wie die Geschichte enden könnte. Und was kommt dann? Ein – in meinen Augen – absolut unbefriedigendes Ende … Leider kein Olympiastadion-Feuerwerk, sondern eher ein Knallfrosch. :( Trotzdem vergebe ich aufgrund des Talents der Autorin und des grandiosen Schreibstils nicht weniger als vier Sterne!

Bewertung

Melanie Raabe: Die Wahrheit | btb Verlag | 448 Seiten | 978-3442754922 | 16,00 Euro

Vielen Dank an den btb Verlag für das Rezensionsexemplar!

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1 Kommentar

  • Antwort Lese-Inspiration: Endstand Summer Reading Challenge 2016 - Tintenmeer 13. Oktober 2016 at 14:06

    […] der Autorin habe ich von Kristina und Jack schon so viel Schwärmerei gehört, dass ich bei ihrem neuen Buch spontan zugeschlagen […]

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