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{Rezension} Vollendet von Neal Shusterman

Der 16-jährige Connor hat ständig Ärger. Risa lebt in einem überfüllten Waisenhaus. Lev ist das wohlbehütete Kind strenggläubiger Eltern. So unterschiedlich die drei auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie sind auf der Flucht. Vor einem Staat, in dem Eltern ihre Kinder im Alter von 13 bis 18 Jahren „umwandeln“ lassen können. Die Umwandlung ist schmerzfrei. Jeder Teil des Körpers lebt als Organspende in einem anderen Organismus weiter. Aber wenn jeder Teil von dir am Leben ist, nur eben in jemand anderem … lebst du dann, oder bist du tot? (Klappentext)

Rezension

Für uns hier im Tintenmeer war Neal Shusterman dieses Jahr eine echte Entdeckung. Mit seiner neuen wahnsinnig gut durchdachten Dystopie um die Sycthe konnte er uns beide maximal begeistern. Wie Zahnräder griffen hier die Details ineinander und formten trotz der unwahrscheinlichen Elemente eine erschreckend realistische Zukunftsvision. Da der dritte Teil „The Toll“ erst für 2019 angekündigt ist, bleibt noch etwas Zeit, sich mit seiner vorhergehenden Buchreihe zu beschäftigen. In „Vollendet“ wartet Shusterman ebenfalls mit einer – von unserem Standpunkt aus – sehr düsteren Zukunftsvision auf. Sie stellt die Frage nach dem, was einen Menschen ausmacht. Wo beginnt er mehr zu sein als die Summe seiner Teile?

In der Realität von „Vollendet“ sind Abtreibungen verboten, um das Leben zu schützen. Stattdessen dürfen ungewollte Kinder zwischen 13 und 18 Jahren „rückwirkend“ abgetrieben werden. Dabei werden sie in ihre Körperteile und Organe zerlegt, die in anderen Menschen weiterleben. In der Vorstellung dieser zukünftigen Gesellschaft werden sie somit nicht getötet, sondern umgewandelt und leben in anderer Form weiter. Entstanden ist dieses Konzept aus einem Kompromiss zwischen Abtreibungsbefürwortern und -gegnern.

Und hier hatte ich schon ein Problem, denn diese Grundlage konnte ich Shusterman beim besten Willen nicht abnehmen. Ich glaube nicht, dass die Menschheit (so dumm und schrecklich sie auch sein kann) ein solches System final akzeptiert. Dass Eltern ihre Kinder, mit denen sie so viele Jahre zusammengelebt haben, einfach weggeben und umwandeln lassen, ist unrealistisch. Realistischer finde ich hingegen die Idee des Autors, dass Mündel des Staates umgewandelt werden, um sie einem „sinnvollen Zweck“ zuzuführen. Aber auch da fehlte mir eine Reaktion oder Gegenbewegung in der Gesellschaft, die es doch zweifellos geben müsste.

„Bitte, Miss Ward. Sie werden nicht sterben, und uns allen hier wäre bedeutend wohler, wenn sie sich nicht so unangebracht übertrieben ausdrückten. Sie werden zu einhundert Prozent weiterhin am Leben sein, nur eben in einzelnen Teilen.“

Abgesehen davon hat mich der Autor aber wie bei Scythe auch mit der Komplexität seiner erdachten Welt beeindruckt. Mehrere Erzählperspektiven eröffnen uns einen größeren Blick auf das Ganze. So lernen wir drei Teenager näher kennen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen umgewandelt werden sollen: Connor ist schwierig und wird von seinen Eltern für die Umwandlung angemeldet. Risa hat keine Eltern mehr und im Waisenhaus herrscht Platzmangel. Lev ist von seinen Eltern zum Zehntopfer auserkoren und soll aus religiösen Gründen gewandelt werden. Insbesondere mit Lev, der sein Leben lang indoktriniert wurde, um seiner Rolle zu entsprechen, bekommt die Geschichte interessantes Konfliktpotenzial.

Rezension Vollendet von Neal Shusterman BuchcoverDiese drei großen Perspektiven werden durch weitere kurze Szenen, Zitate an den Anfängen der Buchabschnitte und natürlich die Perspektiven einiger Nebenfiguren ergänzt. Deren Schicksale sind zum Teil auch harter Tobak, etwas das Kind, dessen Eltern sich scheiden lassen und sich nicht einigen können, wer das Sorgerecht bekommt – dann doch lieber umwandeln!  Shusterman zieht aus seiner Grundidee eine ganze Reihe folgerichtige, schwer verdauliche Schlüsse und hat keine Angst, damit seine Leser zu erschüttern. Nachhaltig beeindruckt hat mich seine Beschreibung einer Umwandlung. Viele Autoren hätten diesen Vorgang sicherlich ausgespart und der Fantasie der Leser überlassen, aber nicht Shusterman – und das finde ich großartig. Er legt dabei den Fokus nicht auf die blutigen Tatsachen, sondern auf die inneren Vorgänge, auf das Ich, das schwindet, und schafft damit eine sehr bewegende Szene. Die beste im ganzen Buch, wie ich finde.

Das Ende hat keinen Cliffhänger, sodass man die Geschichte nach dem ersten Teil ruhen lassen könnte. Auch wenn mich die Grundidee nicht ganz überzeugt hat, werde ich weiterlesen. Ich könnte mir vorstellen, dass es Shusterman wie bei Scythe auch hier gelingt, einen epischen Bogen zu schlagen, der einen sprachlos zurücklässt.

Fazit

Mit der Grundidee von „Vollendet“ hatte ich so meine Problemchen, denn so richtig realistisch finde ich sie nicht. Vielleicht ist mein Vertrauen in uns Menschen aber auch zu groß. Abgesehen davon schafft Neal Shusterman eine komplex ausgearbeitete Dystopie mit durchaus erschütternden Momenten und Szenen, die zum Nachdenken anregen. Gerade im Jugendbuch-Bereich braucht es meiner Meinung nach mehr Bücher mit Diskussionspotenzial – und Shusterman ist definitiv ein Garant für solche Lektüren.

Bewertung

Neal Shusterman: Vollendet | 432 Seiten | Hardcover | Fischer Sauerländer | ISBN: 978-3-7373-6166-8 | 16,99 Euro

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2 Kommentare

  • Antwort Sindy 9. August 2018 at 10:59

    Erinnert mich so ein bisschen an „Alles was wir geben mussten“. Die Idee hinter dem Buch finde ich noch gruseliger und es bleibt nur zu hoffen, dass die Menschheit – oder diejenigen, die sie zu „regieren“ glauben, nie solche Ideen aufgreifen werden…

    • Antwort Sandy 10. August 2018 at 9:08

      Hallo Sindy,

      danke für deinen Kommentar und den Buchtipp. Werde ich mir mal anschauen. Aufgrund des Themas kann ich mir schon vorstellen, in welches Richtung es geht … Der Klappentext klingt jedenfalls schon mal mega-beklemmend.

      LG Sandy

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