Jennifer Benkau - Dark Canopy
Bücherschrank

{Rezension} Dark Canopy von Jennifer Benkau

Stell dir vor, du musst täglich ums Überleben kämpfen.
Stell dir vor, dein Gegner ist unbesiegbar.
Stell dir vor, du kommst ihm zu nah.
Stell dir vor, du verliebst dich in ihn.

Rezension

Der dritte Weltkrieg ist vorbei und nichts ist mehr so, wie wir es kennen. Die Welt liegt in Trümmern und die Menschen sind nicht länger diejenigen, die herrschen. In ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung haben sie Wesen geschaffen, die ihnen vollkommen überlegen sind. Die Percents. Sie sollten ihnen dienen und ihre Schlachten schlagen. Doch mit einem haben die Menschen nicht gerechnet: dass ihre Sklaven sich gegen sie erheben könnten, dass sie selbstbewusste Wesen erschaffen haben, die gegen die Unterdrückung rebellieren könnten.

In diese Welt, in der die Percents mit all der Willkür über die Menschen herrschen, die sie von ihren einzigen Herrn gelehrt bekamen, wird Joy hineingeboren. Ihre ersten Jahre verbrachte sie noch als „Städterin“, als solche lebt man unter der Aufsicht der Percents und dient ihnen. Seit ihre Eltern von hier geflogen sind, ist sie Mitglied eines Rebellenclans, welche sich außerhalb in den Wälder verbergen. Doch die Winter sind hart und immer wieder sind die Rebellen gezwungen, in die Städte zurückzukehren, um sich notwendige Güter zu ertauschen. Bei einer dieser Aktionen laufen Joy und ihre Freundin Amber in eine Falle. Amber wird geschnappt und Joy kann gerade noch entkommen. Allerdings scheitert das folgende Rettungskommando für Amber kläglich und Joy gerät in die Hände der Percents.

Während Amber jede Erniedrigung und Schändung über sich ergehen lassen muss, hat Joy ein wenig mehr „Glück“. Ihr ist nicht das Schicksal der Dienerin bestimmt, sondern das der Soldatin, was aber auch keine sonderlich besseren Aussichten bietet. Einmal im Jahr veranstalten die Percents das Chivvy, bei dem eine Gruppe von Menschen, die Soldaten, ausgesetzt und von den Percents zu Tode gejagt werden. Jeder Percent, der hier teilnimmt, schickt einen von ihm trainierten „Soldaten“ ins Rennen. Je länger der eigene Soldat durchhält, desto besser die zukünftige Stellung seines „Trainers“. Nun wird Joy, als erster weiblicher Soldat, Neél zugeteilt, worüber dieser zunächst mehr als unglücklich ist …

So genug zum Inhalt! Ich fand, dass diese Geschichte so eine lange Vorrede brauchte, weil sie doch sehr komplex ist, um sie in drei oder vier Sätzen wirklich erschöpfend zusammenfassen zu können. Mit Dark Canopy hat Jennifer Benkau ein Zukunftsszenario konstruiert, welches in erschreckender Nähe liegen könnte. Die Geschichte spielt, sofern ich das nicht völlig falsch verstanden habe, in Großbritannien. Die Menschen haben keine Möglichkeit mehr, sich untereinander zu verständigen. Es gibt kein Informationsnetz mehr, die Insel ist nahezu abgeschnitten vom Rest der Welt. Ja, es ist noch nicht einmal klar, ob sich die Percents nur hier oder auf der ganzen Welt gegen die Menschen erhoben haben, und das machte die Geschichte für mich noch spannender.

Ein weiterer Schuss. Dann Erkenntnis. Angst.
Neél? Neél! Ich wollte es rufen, aber mein Mund blieb verschlossen. Sie würden keinen Unterschied machen. Ein Percent war ein Percent. Der Feind.
Sie waren alle gleich. Alle gleich. Alle. Gleich.

– Benkau: Dark Canopy, S.512f

Man kennt die Hintergründe. Man hat sogar eine konkrete Vorstellung von jedem einzelnen Handlungsort, was zum einen natürlich daran liegt, dass die Autorin ganz wunderbar beschreiben kann, ohne sich in ewig langen, blumigen Ausuferungen zu verlieren. Zum anderen rührt dies aber auch daher, dass wir uns sozusagen in der Realität befinden, in der Welt, die zwar erschüttert wurde, deren Fundament wir aber natürlich kennen.

Zum Zeitpunkt, an dem die Handlung einsetzt, haben die Menschen bereits ihren Machtanspruch verloren. Dennoch kann man als Leser die weitere Entwicklung dieses Vorgangs miterleben, was ich nicht nur sehr spannend, sondern auch erschreckend fand, denn die Percents verleiben sich durch ihre Handlungen Stück für Stück die Welt der Menschen ein. Sie ziehen aus der menschlichen Kultur, was sie für sich gebrauchen können (z.B. die Namen aus den Büchern) und zerstören das Übrige. Immer wieder wird auf Dinge verwiesen, die für uns selbstverständlich sind, die aber in der Welt von Dark Canopy bereits dem Vergessen anheimgefallen sind.

Beispielsweise wird an einer Stelle scherzhaft auf Rotkäppchen verwiesen und dass man auf den bösen Wolf am Weg achten soll. Joy, die als Mensch nur noch über die wenigen kulturellen Güter verfügen kann, die ihr mündlich überliefert wurden, kann mit diesem Hinweis überhaupt nichts anfangen. In diesen Momenten wird die Geschichte beängstigend real. Ebenso die Hintergründe über die Erschaffung der Percents, die ich hier nicht spoilern will, könnten so erschreckend wahr sein, dass einem manchmal beim Lesen ganz anders wird.

Jennifer Benkau hat in ihrem Roman aber nicht nur ein komplexes, in sich schlüssiges Grundgerüst gebaut, sondern dieses auch mit vielschichtigen Figuren ausgestattet, die einem schon nach kurzen Zeit ans Herz gewachsen sind. Jede einzelne davon war so detailliert ausgearbeitet, dass sie mit klar vor Augen stand. Ich möchte diese Rezi jetzt nicht noch künstlich in die Länge ziehen, aber wenigstens ein Satz zu den wichtigsten Personen soll erlaubt sein!

Joy ist nicht nur eine starke Kämpferin, ihre Hände zittern in Momenten, in denen sie es am wenigsten gebrauchen kann. Neél ist nicht nur ein gefühlskaltes Wesen, sondern setzt Zeichen, auch wenn nicht jeder sie verstehen kann. Amber ist nicht nur schwach und ängstlich, sondern vermag es, den Widrigkeiten die Stirn zu bieten. Matthial ist nicht nur ein kluger Anführer, sondern eben manchmal auch erschreckend schwach. Dass man die Geschichte nicht nur aus der Ich-Perspektive von Joy erlebt, sondern – wenn es um Matthial ging – auch in die auktoriale Erzählsituation gewechselt wurde, ermöglich es dem Leser, einen besseren Einblick in die ganze Handlung und die Beweggründe der Figuren zu bekommen.

Fazit

Dark Canopy ist eine wirklich fesselnde Dystopie, die nicht nur gut durchdacht und in sich schlüssig ist, sondern auch mit einer Reihe von komplexen und bemerkenswerten Charakteren ausgestattet wurde. Wer eine wirklich gute Dystopie lesen möchte, sollte an Dark Canopy auf keinen Fall vorbeigehen! Absolute Kaufempfehlung! Für Jennifer Benkaus Buch vergebe ich nicht nur 5 Sterne, sondern auch das Blaue Band!

Bewertung

Rezension Sternebewertung 5 Sterne

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Jennifer Benkau: Dark Canopy I Script 5 I 528 Seiten I 978-3-8390-0144-8 I 18,95 Euro I Leseprobe

0145_s5_dc.inddTipp! Am 18. März 2013 erscheint Dark Destiny, der zweite und letzte Band dieser Reihe.

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