Daniela Winterfeld - Der geheime Name
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{Rezension} Der geheime Name von Daniela Winterfeld

 Klappentext: Rumpelstilzchen wollte das Kind der Königin. Er bekam es nicht. Jahrhunderte später schließt ein anderes Wesen seiner Art einen neuen Pakt – und wird ebenfalls betrogen. Seitdem sucht es unablässig nach dem Kind …

Seit sie denken kann, ist Fina mit ihrer Mutter auf der Flucht. Doch jetzt, mit 19, will sie endlich ein richtiges Zuhause finden und zieht zu ihrer Großmutter, die am Rand eines düsteren Moores lebt. Das Moor fasziniert Fina vom ersten Moment an – genau wie der geheimnisvolle Junge, der dort lebt. Weder Fina noch der Junge ahnen, dass sie beide nur Figuren in einem Spiel sind, das dem betrogenen Wesen endlich seinen Lohn bringen soll …

Rezension:

Stell dir vor, das Märchen von Rumpelstilzchen wäre anders ausgegangen. Stell dir vor, die Königin hätte es nicht geschafft, den Namen des Gnoms herauszufinden. Welche Optionen hätte sie dann gehabt, ihr Kind zu schützen? Zu welchen Mitteln hätte sie gegriffen, um das Unvermeidliche zu verhindern? Und was will dieser kleine Wicht im Wald eigentlich mit einem kleinen Mädchen …

Fina ist mit ihrer Mutter auf der Flucht, seit sie denken kann. Sie ist viel in der Welt herumgekommen, hat mehr gesehen als andere junge Frauen in ihrem Alter. Doch das ständige Weglaufen hat sie nicht verängstigt, sondern zu einem starken Menschen gemacht, der für das kämpft, was ihm wichtig ist. Ich mochte Fina sehr gern beim Lesen, denn sie ist kein naives Dummchen, das von einer Katastrophe in die nächste steuert. Obwohl sie lange Zeit die Geheimnisse ihres Lebens und die ihrer Mutter nicht kennt, wirkt sie nie hilflos. Sie ist klug und einfühlsam und verteidigt ihre Lieben und ihre Überzeugung.

Ebenso begeistert wie von der klugen und liebenswerten Fina war ich von Mora. Der junge Mann ist ein außergewöhnlicher Charakter, dessen lichte und dunkle Seite sehr eng miteinander verwoben sind. Gleichzeitig unsicher und doch charakterstark; ängstlich, aber doch unbeugsam schafft er es, selbst die schlimmsten, menschenunwürdigsten Situationen durchzustehen. Sein Leben „vor Fina“ war geprägt von Erniedrigung und Qual, beschert von dem einzigen Wesen, mit dem er sich verbunden fühlt. Verzweifelt kämpft er die ganze Zeit um Anerkennung und merkt es nicht. Und dann, als diese ihm endlich zuteilwird, kann er sie erst nicht verstehen.

Eine Panikwelle rollte durch ihren Körper. Sein Leben hing von dem ab, was sie tat, was sie richtig oder falsch machte.
Fina atmete tief ein, um die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Nur wenn sie ruhig blieb, konnte sie ihm helfen.
„Mora.“ Sie flüsterte ihm zu. „Du musst aufwachen, du musst wenigstens was trinken, sonst stirbst du.“

– Winterfeld: Der geheime Name, S.177

Mora kennt weder die Menschen noch ihre Art miteinander umzugehen. Wie ein Kind muss er soziale Interaktion erst lernen – und allem voran das Vertrauen zu anderen. Immer wieder fällt er in alte Verhaltensmuster zurück, doch Stück für Stück befreit er sich. Sein Weg ist nicht geradlinig, sondern eher wie die verschlungen Pfade des Moores, in dem er lebt. Mora vermag nicht nur die Herzen der Leser zu berühren, sondern auch sie zu überraschen. Er ist nicht nur einfach „attraktiv“, sein widersprüchliches Wesen macht seine wahre Schönheit aus. Trotz aller Verletzlichkeit und Sensibilität beweist Mora immer wieder Stärke und ist wirklich klug.

Die Geschichten der Autorin sind immer perfekt durchdacht, die Details greifen ineinander und weben ein ganzes Universum. Dennoch wirken sie nie konstruiert, sondern haben so viel Seele, wirken so real, dass man beim Lesen manchmal den Boden unter den Füßen verliert. Auch in diesem Buch scheut sich die Autorin nicht, auch – oder gerade – die Abgründe der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Sie lässt ihre komplexen Figuren lieben, verzweifeln, lachen, und weinen – und mit ihnen auch die Leser.

Auch der Schreibstil der Autorin ist in „Der geheime Name“ wieder gewohnt ausgefeilt und nicht blumig überladen. Mit wenigen, aber dafür genau ausgewählten Worten vermag es Daniela Winterfeld, ein realistisches und detailreiches Bild der Umgebung und der Figuren zu zeichnen.

Fazit:

Daniela Winterfeld entführt ihre Leser in ihrem neuen Roman ins Grundlose Moor, in die Welt des Geheimen. Zwischen Nebelschwaden und feuchten, verschlungen Pfaden finden sich Seelenabgründe und Verzweiflung, ebenso wie unschuldige Liebe und die reine Hoffnung, dass alles gut werden wird. Die wunderbare Geschichte um Fina und Mora, die tollen, realistischen Landschaftsbeschreibungen und die komplexen und liebenswerten Charaktere ziehen jeden Leser in ihren Bann. Nicht umsonst gehört dieser Roman zu meinen absoluten Highlights 2012.

Bewertung:

fuenf_sterne
Daniela Winterfeld: Der geheime Name I Droemer Knaur Verlag I 528 Seiten I 978-3-426-51127-5 I 12,99 Euro I Leseprobe!

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4 Kommentare

  • Antwort Aleshanee 12. Juni 2016 at 9:08

    Guten Morgen!

    Ich hab das Buch jetzt auch endlich gelesen und die Atmosphäre fand ich auch sehr faszinierend! Allerdings fand ich schon, dass es zwischendurch ein paar kleine Längen gab.
    Ich hab dich in meiner Rezension verlinkt ;)

    Liebste Grüße, Aleshanee

    • Antwort Sandy 12. Juni 2016 at 11:00

      Guten Morgen Aleshanee,

      vielen Dank fürs Verlinken! :D

      Manche fühlen zwischendurch ein wenig die Längen, das kann ich gut verstehen. Ich finde, dass Daniela aber immer so toll beschreibt und atmosphärisch ist, dass ich an den Stellen immer „die Landschaft“ genieße. Es ist wie Urlaub machen. Da ist ja auch nicht immer Action. Manchmal will man einfach nur die unbekannten Eindrücke auf sich wirken lassen. :)

      LG Sandy

  • Antwort Wie du gute Rezensionen schreibst - Tintenmeer 21. August 2016 at 19:54

    […] –> Hier beschreibe ich die Figuren genauer. […]

  • Antwort {Rezension} „Winterhonig“ von Daniela Ohms - Tintenmeer 20. Februar 2017 at 20:50

    […] des zweiten Weltkriegs“ war eher ernüchternd. Wer ihre Fantasy-Romane „Harpyienblut“ und „Der geheime Name“ kennt, der weiß zwar, dass ihre Geschichten keine leichte Kost sind. Aber ich muss zugeben, dass […]

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