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{Rezension} Spuk in Hill House von Shirley Jackson

Ich liebe es, mich zu gruseln. Das Prickeln, wenn es mir kalt über den Rücken läuft. Die Gänsehaut, die sich plötzlich über meine Arme zieht. Dieses beklemmende Gefühl der Furcht, das sich um mein Herz legt. Der unerwartete Verdacht, jemand beobachtet mich aus den schummrigen Ecken des Zimmers … hach, es ist wunderbar – jedenfalls solange es nur fiktiv ist und hervorgerufen durch einen unheimlichen Film oder ein gruseliges Buch.

Unglücklicherweise finde ich es immer schwerer, schaurig-schöne Geschichten zu finden, die es schaffen, mich gebannt und atemlos mitfiebern zu lassen. Wem es auch so geht, dem möchte ich heute einen Klassiker unter den Spukgeschichten ans Herz legen. „Spuk in Hill House“ von Shirley Jackson wurde 1959 veröffentlicht und seither schon zweimal verfilmt: „Das Geisterschloss“ mit Catherine Zeta Jones von 1999 kennen sicher viele, aber auch die ursprüngliche Schwarz-Weiß-Verfilmung von 1963 „Bis das Blut gefriert“ kann ich euch nur wärmstens empfehlen.

Dr. John Montague ist Doktor der Philosophie, doch er sieht seine Berufung in der Erforschung übernatürlicher Erscheinungen. Da kommt ihm Hill House, das den Ruf hat, ein echtes Spukhaus zu sein, gerade recht. Er entscheidet sich, hier einzuziehen, und zwar mit ein paar handverlesenen „Assistenten“, die sich in ihrer Vergangenheit für Spuk empfänglich gezeigt haben. Viel Resonanz auf seine freundliche Einladung erhält er aber nicht: Die schüchterne Eleanor Vance, die extrovertierte Theodora und der betrügerische Neffe der Hausbesitzerin Luke Sanderson schließen sich dem Doktor an.

Nach einer kurzen Einführung in die Pläne des Doktors und Vorstellung der Charaktere wechselt die Erzählperspektive zu Eleanors Point of View. Schnell wird deutlich, dass dieser stark von ihrer Unsicherheit, ihrer überbordenden Fantasie und ihren kleinen, feinen Lügen eingefärbt ist. Eleanor ist eine schüchterne Frau, die sich mit ihrem Aufbruch nach Hill House zum ersten Mal in ihrem Leben etwas nimmt, das sie gern möchte. Den größten Teil ihres Lebens hat sie mit ihrer kranken Mutter verbracht und sie bis zu ihrem Tod gepflegt – eine Zeit, die ihre Spuren an ihr und besonders ihrer Psyche hinterlassen hat. Nun ist sie nicht mehr bereit, sich weiter bevormunden zu lassen. Sie bricht aus ihrem Leben aus, widersetzt sich zum ersten Mal ihrer Schwester, als sie heimlich den gemeinsamen Wagen für die Reise nimmt.

Schon auf ihrem Weg nach Hill House wird klar, dass Eleanor geistig nicht ganz gesund sein kann. Die Fantasien, denen sie hierbei nachhängt, wirken sehr kindlich. Trotzdem habe ich mich beim Lesen sehr schnell mit dieser Figur verbunden gefühlt. Ich habe mich sogar gefreut, dass sie den Mut fasst, diese Reise zu machen, und war gespannt darauf, welchen gruseligen Ereignisse da kommen werden.

Ihre mentale Schwäche macht Eleanor zu einer unzuverlässigen Erzählerin – was natürlich auch dem Unheimlichen den Weg bereitet. Was ist wahr und was nicht? Auf diese Frage gibt es keine eindeutigen Antworten – dafür aber ganz viel Spielraum für die Fantasie beim Lesen. Ein Kniff, auf den u.a. auch Edgar Allan Poe (zum Beispiel in „Ligeia“) in seinen Kurzgeschichten gern zurückgegriffen hat.

Sie setzte sich auf und lachte, dann sagte Eleanor: „Still, da drüben bewegt sich was.“ Wie erstarrt, mit den Schultern aneinandergedrängt, schauten sie über den Bach auf die Stelle des Hangs, wo sich das Gras bewegte, beobachteten, wie etwas Unsichtbares über den hellen grünen Hügel kroch und den Sonnenschein und den plätschernden kleinen Bach ganz kalt werden ließ. (Pos.707)

Rezension | Spuk in Hill House | Shirley Jackson | Horror | Geister | Spukgeschichte | Thriller | Grusel | Haunting | tintenmeer.deJe länger Eleanor in Hill House ist, desto seltsamer wird sie. Sie halluziniert, beginnt, merkwürdige Dinge zu sagen, und wird als Erzählerin immer unzuverlässiger. Immer wieder bin ich gestolpert und habe mich über die teilweise sehr seltsam verlaufenden Dialoge gewundert. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr verlor ich den Kontakt, die Verbindung zu ihr. Immer mehr wird klar, dass viele Gespräche so wahrscheinlich gar nicht stattgefunden haben – außer vielleicht in Eleanors Kopf. Doch welche Teile waren erfunden und welche nicht? Da die Geschichte auf ihren Blick beschränkt ist, wissen wir nur, was sie weiß – oder was sie glaubt zu wissen. Gerade diese Doppelbödigkeit macht den Reiz an der Geschichte aus. Was wirklich passiert ist und gesagt wurde, kann sich darum jeder Leser selbst zusammenfantasieren – und bekommt so eine eigene Idee von dieser Geschichte.

Zu viert standen sie zum ersten Mal zusammen in der breiten dunklen Diele von Hill House. Rings um sie her war das Haus damit beschäftigt, sie zu orten und zu steuern, über ihnen schlummerten argwöhnisch die Hügel, kleine Strömungen von Luft, Geräusch und Bewegung traten abwartend und flüsternd auf der Stelle, und irgendwie im Mittelpunkt des Bewusstseins lag das Stückchen Raum, wo sie standen, vier Personen, jede für sich, die sich vertrauensvoll anschauten. (Pos.753)

Eleanors überbordende Fantasie, aber auch die Erzählabschnitte, die nicht von ihr eingefärbt sind, ließen Hill House selbst das ganze Buch über eher als eine Figur denn als Objekt erscheinen. Es wird ständig personifiziert und das allein lässt einen beim Lesen schon zittern. Es ist ein schauriger Ort, an dem nichts so ist, wie es zu sein scheint. Ein Ort der Tausend Türen, die immer in andere Zimmer führen und einfach nicht offen bleiben wollen, egal was unsere kleine Expeditionsgemeinschaft anstellt. Ein Ort, dessen Architektur von einem Wahnsinnigen geschaffen worden sein muss. Und trotzdem habe ich mir hin und wieder gewünscht, es würde sich ein wenig mehr regen. Ich bin halt nicht so leicht zu schocken! Darf es noch ein bisschen mehr sein? – Ja, bitte!

Diese Spukgeschichte lebt weniger von Schockmomenten als vielmehr von der bedrückenden Atmosphäre und dem Subtilen. Vor allem den Wechsel von einer fröhlich-leichten Stimmung zum Schauer, der einem über den Rücken läuft, und zurück hat die Autorin wirklich drauf. Und immer nach der Rückkehr in die Normalität (?) bleibt die nagende Frage zurück: Was ist jetzt wirklich passiert?

Fazit

„Spuk in Hill House“ von Shirley Jackson ist ein Klassiker unter den Spukgeschichten, der bei keinem Grusel-Fan im Bücherregal fehlen darf. Diese Geschichte ist atmosphärisch, düster und voller Fallstricke für den Leser, der höllisch aufpassen muss, nicht mit Eleanor zusammen die Nerven zu verlieren. Dennoch eine Warnung: Wer grausige Geister-Action sucht, wird hier wahrscheinlich enttäuscht werden, denn der Spuk in Hill House ist von der klassischen, subtilen Art.

Bewertung

Shirley Jackson: Spuk in Hill House | Psychothriller GmbH | E-Book | 294 Seiten | EAN 9783942261531 | 5,99 Euro

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2 Kommentare

  • Antwort Cindy von Kumos Buchwolke 18. November 2017 at 22:47

    Hallo Sandy,

    „Das Geisterschloss“ hab ich gemocht in meiner Kindheit. Es war der erste Gruselfilm den ich mit der besten Freundin allein bei uns zu Hause geschaut haben. Das war was besonderes. Ich wusste gar nicht, dass es auf ein Buch beruht.
    Liebe Grüße Cindy

  • Antwort Joel 4. Dezember 2017 at 22:34

    Zu Recht einer der Klassiker unter den Gruselfilmen und Büchern. Allerdings sind nicht die „Gruselstärke“ hier entscheidend, sondern eher wie der Leser den Grusel fühlt. Und das ist in diesem Buch denke ich einfach toll umgesetzt.
    Liebe Grüße
    Joel von Büchervergleich.org

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