Amy on the Summer Road von Morgan Matson
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{Rezension} Amy on the Summer road von Morgan Matson

Amy Curry hat vor drei Monaten ihren Vater bei einem Autounfall verloren. Der Verlust und das darauffolgende Schweigen sind so groß, dass die Familie daran fast zerbricht. Während der Bruder einen Entzug von seiner Drogensucht macht, sucht die Mutter ein neues Haus in einem anderen Bundesstaat. Amy war in dieser Zeit dazu verdammt, isoliert im ehemaligen glücklichen Zuhause zu warten. Nun soll aber alles ganz schnell gehen und Mom braucht eine Sache ganz dringend: das Auto. Da Amy dieses jedoch nicht von Kalifornien nach Connecticut fahren kann, soll Roger dies tun und Amy auf diese Weise gleich in ihr neues Heim umziehen. Die Reiseroute, die ihre Mutter geplant hat, ist aber alles andere als spannend und so beschließen Roger und Amy, den ein oder anderen kleinen Abstecher zu machen.

Rezension

Ich kann es nun ja zugeben, ist ja kein Geheimnis mehr: Ich hasse Ich-Erzählungen und es nervt mich unheimlich, dass neuerdings jede zweite Geschichte aus dieser Perspektive geschrieben ist. Aber, und das ist wirklich ungewöhnlich: Bei Amy on the Summer road hat es mich seit langer Zeit zum ersten Mal überhaupt nicht gestört, im Gegenteil, ich fand es sogar genau richtig, dass Amy uns ihre Geschichte mit ihren eigenen Worten erzählt. Das meiste ist sehr persönlich. Amy ist immer die gute Schülerin gewesen, das Mädchen, das nie Probleme macht und niemals aus der Reihe tanzt. Sie mag Musicals, hat einen netten Freund, ist zufrieden mit sich und dem Leben. Nur eines macht ihr Sorgen: Ihr Zwillingsbruder Charly rutscht immer weiter in die Drogensucht ab, doch sie versucht, ihn davor zu bewahren. Als dann das Unfassbare geschieht und der Vater bei einem Unfall stirbt, für den Amy sich verantwortlich fühlt, bricht alles auseinander. Dort, wo das Buch beginnt, haben wir bereits eine trauernde Amy vor uns, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Auf der Reise mit Roger gibt es jedoch immer wieder Situationen, denen sie sich stellen muss, Dinge, die sie zwingen, sich mit dem Vergangen auseinanderzusetzen.

Roger ist etwas älter als Amy. Die beiden haben als Nachbarskinder zusammen gespielt, sich seit damals aber nicht mehr gesehen. Mit uns begegnet Amy also ebenfalls einem Fremden, den wir mit ihr zusammen neu kennenlernen. Und nach und nach wird klar, dass auch bei Roger nicht alles super (nein ich sag jetzt nicht „roger“) ist. Die Fassade, die er anfangs zur Schau trägt, bröckelt immer mehr und es ist wunderbar und sehr sympathisch, wie Roger durch kleine Dinge den Anschein des Perfekten verliert. Was ich hier wirklich klasse fand, war, dass Roger nicht nur da ist, um Amy aus ihrer Trauer zu befreien. Umgekehrt hat er auch an einigen Dingen zu knabbern und Einiges zu verarbeiten, bei dem ihm Amy wiederum zur Seite steht.

Ich holte tief Luft und zwang mich, es auszusprechen. Vermutlich wusste er es nicht, aber ich wollte Klarheit haben. „Weißt du, wie es passiert ist?“
„Nein“, entgegnete er. „Magst du es mir erzählen?“
Ich schüttelte fast unmerklich den Kopf. Ich merkte, wie meine Lippen wieder zu beben begannen, und biss darauf, so heftig ich konnte.
„Tja“, sagte er kurz darauf. „Wir sollten wohl langsam mal losfahren, oder?“
Ich nickte. Als ich aufschaute, sah ich, dass Roger mir seine Sonnenbrille hinhielt. Ich kam gar nicht auf die Idee abzulehnen, sondern setzte sie einfach auf. Es war ein schweres, eckiges Jungsmodell – viel zu groß für mich – und verrutschte sofort. Aber im Moment war es eine hilfreiche Barriere zwischen meinem Gesicht und der Außenwelt […]

[Matson: Amy on the Summer road, S.97f

Dabei ist das Buch aber niemals deprimierend. Und das ist sicher eine kleine Kunst. Es ist immer wieder sehr lustig, sarkastisch, locker und dann wieder wahnsinnig einfühlsam. In Rückblenden erfährt man mehr von Amys Leben vor dem Unfall, von ihrem Vater und der Beziehung zu ihm. Und – obwohl man ja längst weiß, dass der Unfall passieren wird – verfällt man immer wieder in die irrwitzige Hoffnung, es könnte anders kommen.

Der Schreibstil ist so unglaublich nahe und genauso ehrlich wie Amy. Schnörkellos und doch mit viel Feingefühl und Sinn fürs Detail werden Gefühle ebenso anschaulich beschrieben wie Landschaften. Beeindruckende Bergketten, die endlosen Weiten Nevadas und Städte aller Art entstehen vor dem inneren Auge. Das Buch ist wirklich eine kleine Sightseeing-Tour quer durch die USA.

Ein ganz besonderes Highlight war Amys Scrapbook. Dieses Reisetagebuch, in das man nicht nur schreiben soll, sondern in dem auch Bilder gemalt, Postkarten, Quittungen und andere Dinge gesammelt werden können, hat Amy von ihrer Mutter für diese Fahrt bekommen. Anfangs fand sie das Buch ziemlich blöde, aber nach und nach füllt es sich mit Eindrücken, Bildern, Erinnerungen und diese ragen immer wieder in den Text hinein. Auf diese Weise fühlt man sich Amy und Roger noch viel näher. Dinge, die eben passiert sind, wandern beim Umblättern ins Scrapbook und verleihen dem Buch etwas Gegenwärtiges, so als wären sie gerade erst geschrieben worden.

Fazit

Wer sich keinen USA-Urlaub leisten kann, sollte unbedingt wenigstens Amy on the Summer road lesen! Das Buch ist ein kleines Sommermärchen, das uns kreuz und quer durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten führt. Es ist wunderbar einfühlsam und tiefgründig, aber auch witzig und niemals schwermütig. Das Cover ist perfekt gewählt und das Buch hält, was es außen verspricht. Amy und Roger sind sehr sympathische und komplexe Charaktere, durch die dieser Reise niemals langweilig wird. Amy Scrapbook ist das gewisse Etwas, das Tüpfelchen auf dem i. Darum gibt es hierfür nicht nur 5 Sterne, sondern auch das Blaue Band!

Bewertung

Morgan Matson: Amy on the Summer road | cbj | 574 Seiten | 978-3-570-40132-3 | 8,99 Euro

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