Antje Wagner - Vakuum
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{Rezension} Vakuum von Antje Wagner

Tamara sitzt im Zug nach Mannheim, denn sie möchte mehr über ihre leibliche Mutter erfahren. Während der Fahrt schläft sie einen Moment lang, und als sie die Augen wieder öffnet, ist sie ganz allein. Der Zug steht mitten im Nirgendwo und alle Menschen um sie herum sind weg. Selbst die Vögel zwitschern nicht mehr. Aber sie ist nicht die Einzige, der es so ergeht: Alissa. Leon. Hannes. Kora. Sie alle sind plötzlich allein. Es ist der 17. August und um 15.07 Uhr blieb die Zeit stehen. Fünf Jugendlichen stecken fest in einem beängstigenden Vakuum …

Rezension:

Als ich von diesem Buch gelesen habe, war für mich vollkommen klar, dass ich es haben muss. Ich liebe es, mich zu gruseln, und eine Sache ist für mich die schlimmste Marter: die Ungewissheit und dieses Gefühl, wenn man weiß, dass etwas nicht stimmt, dass etwas Grundlegendes sich verändert hat. Die Welt ist aus dem Gleichgewicht – aber warum? Das „Vakuum“ dieses Gefühl auslösen würde, habe ich einfach gewusst und ich habe mich nicht getäuscht.

„Was ist denn los?“, sprang Leons Hasenhirschstimme auf sie zu.
Sie hob den Kopf vom Computer. „Kirchturmuhren können stehenbleiben, richtig?“, sagte sie. „Bahnhofsuhren auch.“ Sie wies auf die Wand. Sieben nach drei. „Und natürlich Armbanduhren.“ Sie tippte auf ihr Handgelenk. Sie trug eine grau-grüne Supermarktuhr, Army-Look, die sie mal für vier Euro gekauft hatte, deshalb hatte sie sich auch nichts weiter gedacht, als sie heute um 15:07 Uhr stehengeblieben war. Es war eben eine Billiguhr. Sie sah ihm in die Augen. „Aber hast du schon mal davon gehört, dass eine Funkuhr stehengeblieben ist?“
Sie drehte den Monitor zu Leon um.
„Diese Computeruhren hier gehen per Funk.“
In der rechten unteren Ecke stand: 15:07.

– Wagner: Vakuum, S.182f

Die Kapitel sind immer mit den Namen der Protagonisten und dem Ort, an dem sie sich befinden, gekennzeichnet. Die Handlung startet sehr gemächlich, denn im ersten Teil liegt der Fokus ganz klar auf den Charakteren und ihren Geschichten. Eigentlich sollte man Schicksalsschläge sagen, denn keiner der fünf Jugendlichen ist ohne Sorgen. Alle haben bereits einen dunklen Fleck in ihrer Biografie.

Kora ist noch keine 18 und sitzt bereits im Gefängnis. Ihr Alltag, der immer nach dem gleichen Plan abläuft, und die Qual und Hoffnungslosigkeit, die damit verbunden sind, werden sehr anschaulich geschildert. In diesen Abschnitt konnte ich mich nicht so ohne Weiteres einfühlen. Die ganze „Gefängnis-Atmosphäre“ war mir persönlich zu viel … zu gefangen. Ich wurde regelrecht abgestoßen, aber dies ist eine grandiose Leistung der Autorin.

Hannes hat ein Geheimnis, dass ihn so sehr quält, dass er sich von den Menschen, die ihm am meisten bedeuten, abwendet. Seit vor drei Monaten etwas Schreckliches passiert ist, ist er mehr ein lebender Toter. Er versteckt sich vor der Welt. Für diese Figur konnte ich mich sofort erwärmen. Ich wollte wissen, was ihm passiert ist, dass seine Welt so erschüttert hat.

Tamara ist erst 13. Sie lebt in einem goldenen Käfig, den ihre Adoptivmutter um sie gebaut hat, denn das Mädchen ist oft krank. Sie beginnt nun aber, sich dagegen zu wehren. Die Hilflosigkeit, in der sich dieser kreative und kluge Geist befindet, war für mich sehr beeindruckend und ich habe sie sofort liebgewonnen.

Alissa und Leon sind Geschwister. Doch sofort bemerkt man, dass bei ihnen etwas nicht stimmt. Alissa ist kalt und abweisend, während Leon, ihr kleiner Bruder, sich so krampfhaft um sie bemüht, dass es schon wehtut. Dieses Paar zu „beobachten“ war sehr intensiv und teilweise wirklich herzzerreißend.

Diese fünf Jugendlichen landen in einer Situation, die unterschwellig unheimlich gruselig ist. Antje Wagner hat es perfekt geschafft, eine Atmosphäre zu schaffen, die den Leser mitreißt, in den Nebel der Geschichte zieht und sein Herz vor Beklemmung klopfen lässt. Und auf der anderen Seite ist dies eine Geschichte, die von den Charakteren und ihren inneren Dämonen getragen wird. Im Mittelpunkt stehen Hoffnung und Freundschaft. Mir persönlich hat diese Mischung sehr gut gefallen, denn sie schafft es, die Waage zu halten zwischen den Herzklopfen-Momenten und denen, in denen man sich das Hirn zermartert über die Frage, was den Protagonisten denn in der Vergangenheit zugestoßen ist. Was ist es gewesen, dass sie alle jetzt und hier zusammengebracht hat?

Im zweiten Teil des Buchs haben alle fünf zueinandergefunden und versuchen nun, einen Ausweg aus diesem lebensleeren Vakuum zu finden. Die Welt scheint wie ein Standbild eingefroren zu sein. Die Details, mit denen die Autorin diese Situation ausschmückt, finde ich wunderbar. Sie machen diese ganze Unwirklichkeit sehr plastisch und greifbar. Lediglich einen kleinen Kritikpunkt habe ich. Es gibt meiner Meinung nach etwas wenig Interaktion zwischen den Figuren, wenig Dialoge. Zwar erkennt man, dass sich nach und nach eine Freundschaft entwickelt, aber diese Entwicklung selbst wird durch eine Zeitlücke von fünf Tagen in der Geschichte ausgespart. Das fand ich persönlich sehr schade, da hier sicherlich Potenzial verschenkt wurde.

Fazit:

„Vakuum“ ist ein sehr atmosphärisches und spannendes Jugendbuch, dessen Fokus stark auf den Figuren, ihren Geschichten und ihrer Entwicklung liegt. Dabei weckt die Autorin die Urängste des Menschen und versetzt ihre Leser damit in das Gefühl atemloser Beklemmung. Mir hat diese Mischung sehr gut gefallen und auch mit dem Schreibstil der Autorin konnte ich bestens mitgehen. Die anderen Bücher von Antje Wagner sind ganz weit vorgerutscht auf meiner Wunschliste. Absolute Leseempfehlung!

Vielen Dank an Bloomsbury Kinder- und Jugendbücher und Blogg dein Buch für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Bewertung:

 

Antje Wagner: Vakuum I Bloomsbury Kinder- und Jugendbücher I 366 Seiten I 978-3-8270-5437-1 I 14,99 Euro

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5 Comments

  • Reply his-and-her-books 29. September 2012 at 19:10

    Ich fand es ja wirklich supersuperspannend und richtig, richtig gut… Nur das Ende! Waaaah! Ich habe mich gefühlt wie nach dem Serienende von „Lost“: Nach soooo viel Spannung in der Story habe ich ein besseres Ende erwartet. :-(
    Aber ich hab schon vermutet, dass es für diejenigen (wie dir), denen das Ende gut gefallen hat, ein absolutes Superbuch ist :-)
    Tolle Rezension!

    Glg
    Steffi

    • Reply tintenmeer 30. September 2012 at 7:54

      Hallo Steffi,

      du hast schon recht, dass Ende hätte auch ganz anders sein können. Ich habe mich selbst die ganze Zeit gefragt, wie man diese Geschichte enden lassen sollte, aber mir ist nichts eingefallen. Ich bin versöhnt mir dieser Version, vielleicht auch weil ich kurz vor Schluss Angst bekommen habe, dass es vielleicht offen bleibt oder einen zweiten Teil gibt. Das wäre erst schlimm. =D

      Liebe Grüße
      Sandy

      • Reply his-and-her-books 30. September 2012 at 7:59

        stimmt… ein offenes Ende wäre noch schlimmer gewesen… :-)

  • Reply ute 23. Oktober 2012 at 18:26

    wie schön! das habe ich meiner nichte kürzlich geschenkt. es wurde mir von meiner buchhändlerin empfohlen. ich war mir aber erst nciht sicher. das freut mich ja sehr =)

    • Reply tintenmeer 28. Oktober 2012 at 17:49

      Hallo Ute,

      das war eine gute Empfehlung von deiner Buchhändlerin! :) Ich habe von der Autorin kürzlich auch „Schattengesicht“ gelesen, Rezension ist auch online. Ich weiß nicht, wie alt deine Nichte ist, aber „Unland“ ist anscheind auch ein Jugendbuch. Da ich jetzt schon zwei tolle Bücher der Autorin gelesen habe, schätze ich, dass das auch sehr gut ist, aber ich kenne es selbst noch nicht.

      Liebe Grüße
      Sandy

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