White Horse Alex Adams
Bücherschrank

{Rezension} White Horse von Alex Adams

Klappentext:
Damals …
nahm ich unsere Welt für selbstverständlich.
Jetzt…
würde ich alles tun, um sie zu retten.

 

Was sich meinen Blicken bietet, war früher mal eine Parkanlage mit einem Kinderspielplatz. Inzwischen hat die Natur Besitz von den im Boden festgeschraubten Spielgeräten ergriffen, und die Wildnis ist überall auf dem Vormarsch. Kletterpflanzen, denen es egal ist, dass Stahl nicht ersticken kann, überwuchern die Schaukeln. Ein Wasserfall von Schlinggewächsen rieselt die Rutsche hinunter.

– Adams: White Horse, S.232

 

Rezension

Die Welt ist am Ende. Es ist dunkel. Der Himmel weint, verbirgt die Sonne. Permanenter Regen quält die wenigen Überlebenden. Das trostlose Bild, das White Horse zeichnet, spiegelt sich bestens auf dem Buchumschlag. Selbst die Wandlung, die Protagonistin Zoe vollzieht, materialisiert sich hier: von der resignierenden jungen Frau, die die Hoffnung fast verloren hat, auf der Vorderseite zu der starken Kämpferin, die für ihre Überzeugung einsteht, auf der Rückseite des Covers.

In ihrem Debütroman White Horse lässt Alex Adams die Leserinnen und Leser die Apokalypse direkt miterleben. Zoe Marshall ist dabei der Dreh- und Angelpunkt. Auf zwei zeitlichen Ebenen – Jetzt und Damals – berichtet sie von ihrem Leben, vom Tod der Menschheit und von einer zerstörten Welt. Durch sie erfahren wir vom schleichenden Anfang vom Ende, vom Ausmaß der Katastrophe und dem Dasein der Überlebenden. Immer wieder wechselt die Erzählung zwischen dem Vorher und dem Danach. Die Abschnitte sind oft sehr kurz, was jedoch nicht störend wirkt, sondern ein außergewöhnliches Lesegefühl aufkommen lässt. Nicht alle Abschnitte sind aktionsreich und treiben die Geschichte unmittelbar voran. Einige sind auch reale, erschreckende, flüchtige Momentaufnahmen, Fragmenten des Grauens und der Hoffnungslosigkeit gleich, die das beängstigende Bild einer sterbenden Welt komplettieren.

Durch das Telefon geistern jetzt Geräusche, die nichts mit dem Wählton zu tun haben.
Etwas lauert und lauscht. Worauf?
„Hallo“, sage ich flüsternd.
Hallo.   [S.274]

Zoe Marshall ist Anfang dreißig, bereits vor der Apokalypse Witwe und steckt auch beruflich in einer Sackgasse. Sie ist Putzfrau in einem Pharmakonzern, ein Job, der ihr eigentlich das Studium finanzieren sollte. Allerdings scheint sie nicht wirklich vorzuhaben, dieses je in Angriff zu nehmen. Sie hat eine besondere Persönlichkeit, die es nicht leicht macht, ihr Handeln vorherzusagen. Stellenweise wirkt sie sehr viel jünger, als sie ist, fast schon ein wenig naiv. Doch gibt es einen Anker in ihrem Handeln, ein Motto, dem sie um jeden Preis treu bleiben will: Sie will sich ihre Menschlichkeit bewahren, auch wenn ihre Umgebung diese immer mehr verliert. Ob wirklich alle Entscheidungen, die sie mit diesem Hintergedanken trifft, auch klug sind, sei dahingestellt.

Zoe ist nicht nur eine außerordentliche Person, sondern wurde von Adams auch zu einer interessanten Erzählerin geformt. Ihr Stil wirkt sehr realitätsnah. Man hat den Eindruck, ihre Art zu erzählen hängt stark von ihrer aktuellen geistigen Verfassung ab.

Etwas südlich von nirgendwo regnet es Katzen. [S.233]

Mal berichtet sie schonungslos, nimmt kein Blatt vor den Mund, dann metaphorisch, nur andeutend. Ihre Verzweiflung spiegelt sich in lakonischen Bemerkungen. Mal kurz und präzise, mal ausschmückend und bildlich. Der Stil dieses Buches ist wunderbar abwechslungsreich und trägt so auch zum Spannungsaufbau bei.

Alles beginnt mir einem mysteriösen Krug, den Zoe unverhofft in ihrer alarmgesicherten Wohnung findet. Er steht einfach so da, ist geheimnisvoll, wartet. Aber Zoe denkt gar nicht daran, ihn zu öffnen. Zu sehr beschäftigt sie die Frage, wie er einfach so bei ihr auftauchen konnte. Diese Büchse der Pandora ist schließlich aber doch nicht das fantastische Element, das man darin vermutet. Über den ganzen ersten Teil des Buchs versucht die Autorin vergeblich, diesen Mythos aufzubauen, durchbricht ihn jedoch immer wieder selbst und scheint die Idee schließlich einfach wieder fallen zu lassen. Was damit bezweckt werden soll, wird nicht klar, und so zieht sich der erste Teil nach einem spannenden Start doch sehr in die Länge.

Erst ab dem zweiten Teil galoppiert das weiße Pferd so richtig los. Die Büchse ist kein legendäres Objekt, sondern hat vielmehr einen erschreckend realen Ursprung. Adams baut diese apokalyptische Vision auf realem Fundament, das die Leserschaft atemlos und erschüttert zurücklässt. Russisch Roulette mit genetisch veränderten Krankheiten und Wettermanipulation – sei es zum Erntevorteil oder als Massenvernichtungswaffe – sind heute keine gruseligen Zukunftsvisionen mehr, sondern erschreckende Realität. Wie weit, fragt sich der aufmerksame Leser, sind wir noch entfernt von dem wirklichen weißen Pferd der Apokalypse?

Fazit

Der Text auf der Rückseite des Romans verspricht ein Debüt, das in einer Liga mit Justin Cronin und Stephen King spielen kann. Nun ja, in einer Liga wäre sicherlich zu hoch gegriffen, dafür fehlt es „White Horse“ doch etwas an Komplexität und Durchdachtheit, dennoch ist Alex Adams auf dem besten Wege dorthin. Diese Autorin sollte man auf alle Fälle im  Blick behalten.

Bewertung

vier_sterne

 

Alex Adams: White Horse I Piper Verlag I 444 Seiten I 978-3-492-70252-2 I 16,99 Euro

Vorheriger Post Nächster Post

Das könnte dir auch gefallen

6 Kommentare

  • Antwort reaperkitty 28. August 2013 at 18:56

    Wirklich sehr schöne Review. Ich habs damals auch rezensiert und war schon begeistert von Ms. Adams. Ich bin gespannt wie es mit ihr weitergeht! ;)

    • Antwort tintenmeer 28. August 2013 at 19:01

      Vielen, vielen Dank! =) Ich habe erst hinterher erfahren, dass es ein Mehrteiler wird. Bin auch schon gespannt, wie es weitergeht, ich finde aber, dass das Buch auch sehr gut alleine stehen kann.

      Liebe Grüße,
      Sandy

    Was sagst du dazu?