Remarque Nacht von Lissabon
Bücherschrank

{Rezension} Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque

Dass ich in meinem Leben noch mal ein Buch von Erich Maria Remarque lesen würde, hätte ich nicht gedacht. Denn, auch wenn es millionenmal verkauft wurde, Millionen Menschen es großartig finden, sein Buch „Im Westen nichts Neues“ hat sich als „das schrecklichste Buch, das ich je lesen musste“ in mein Gedächtnis eingebrannt. Der Autor war seit der Schulzeit ein rotes Tuch, um das ich einen Riesenbogen gemacht habe. Bis jetzt jedenfalls. Denn die Schwärmereien von anderen Lesern können einen eben doch überzeugen. Das Kunststück wurde jedenfalls vollbracht und da saß ich nun, vertieft in „Die Nacht von Lissabon“ – und fand es großartig.

Erich Maria Remarque Die Nacht von Lissabon CoverAls ich es begonnen habe, war das ein Spontangriff. Ich musste eine Stunde totschlagen, ging in die Bibliothek, griff genau das Buch, begann zu lesen – und war Sekunden später in Portugal. Vor mir lag das rettende Schiff im Tejo, am Kai stand ein Verzweifelter, der alles daran gesetzt hatte, sich und seine Frau mit dieser Arche zu retten. Doch sie war unerreichbar. Ich glaube, wer auch immer diese erste Seite liest, die Bilder sieht, die Remarque hier mit seinen Worten zeichnet, der wird das Buch so schnell nicht aus der Hand legen. Später vielleicht ja, aber nicht an dieser Stelle.

Remarque hat eine Geschichte mit zwei Ebenen konstruiert. Der verzweifelte Man trifft auf einen anderen deutschen Flüchtling, Josef Schwarz. Dieser hat die ersehnten Fahrkarten für das Schiff und er möchte sie ihm überlassen. Alles was unser Verzweifelter tun muss, ist seiner Geschichte zu lauschen. Gemeinsam ziehen sie nun durch die Nacht von Lissabon von Kneipe zu Kneipe, die eine nach der anderen schließt.

Wir traten vor der Tür in eine wunderbare Nacht. Die Sterne waren noch da, aber schon lagen Meer und Morgen am Horizont in einer ersten blauen Umarmung […]

– Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon, S.124

Zwischen den Kneipenwechseln erzählt Schwarz die Geschichte seiner Flucht und die seiner Frau. Es ist eine Liebesgeschichte, deren trauriges Ende man längst kennt. Obwohl Remarque seine Leserschaft schon zu Beginn des Buchs mit seinem Ende „spoilert“, fiebert man mit, hofft die ganze Zeit, dass es anders kommt – obwohl das völlig unmöglich ist. Mit der ersten Seite erzeugt der Autor einen Sog, der nur hin und wieder kurz abreißt. Nämlich an Stellen, an denen es teilweise schwierig ist, ihm zu folgen, in denen philosophiert wird über das Wesen der Liebe, das des Menschen, das Schicksal, Erinnerungen, die Zeit, die Moral und vieles mehr. Das sind Stellen, die den Fluss unterbrechen. Das sollen sie wahrscheinlich auch. Der Leser muss hier stolpern, noch mal lesen, überlegen, intensiv nachdenken. Es sind viele, aber keine langen Passagen. Gedanken werden nur angerissen und eröffnen ein ganzes Universum an Sinnfragen.

Lissabon hat am Tage etwas naiv Theatralisches, das bezaubert und gefangennimmt, aber nachts ist es das Märchen einer Stadt, die in Terrassen mit allen Lichtern zum Meer herabsteigt wie eine festlich geschmückte Frau, die sich niederbeugt zu ihrem dunklen Geliebten.

– Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon, S.124

Der Stil von Remarque hat mich auch überrascht. Ich habe ihn kalt, ekelhaft, abstoßend, viel zu realistisch in Erinnerung. Auch wenn er hier in diesem Buch ebenfalls über schreckliche Dinge schreibt und ganz nah an der Realität ist, fand ich den Stil sehr warm, wunderschön, so poetisch – ich hätte am liebsten ganze Seiten unterstrichen. Immer wieder kommt er darauf, wie die Welt aussieht, riecht, klingt. Wie die Passagen mit den Sinnfragen sind diese Beschreibungen sehr kurz, aber sie zeichnen Bilder, die sofort lebendig werden. Immer wieder werde ich daran erinnert, wo ich bin: Nicht hier, nicht jetzt, sondern 1942 in einer Nacht in Lissabon. Seine Sprache verzaubert.

Dieses hier ist eines der Bücher, von denen man sofort weiß, dass man es mehr als einmal lesen muss. Und gleichzeitig weiß man, dass man es zweimal oder dreimal oder zehnmal lesen kann und trotzdem noch nicht alles erfahren hat.

Ein Zusatz

Ich habe dieses Buch zum Teil parallel mit „Winterhonig“ von Daniela Ohms gelesen. Beides Bücher, die in den Jahren um 1940 spielen, deren Perspektiven sich unheimlich miteinander verbinden, deren Autoren beide so unglaublich wunderbar mit Worten umgehen. Der eine ein Zeitzeuge, selbst ein Geflohener, der seine Erinnerungen verarbeitet. Die andere, eine die sich auf Zeitreise begibt, eintaucht und die Erinnerungen einer Verwandten verwebt. Und immer wieder treffen sich die Geschichten an den Punkten, die die Historie nun einmal vorgibt. Für mich war das ein besonderes Lesen, das ich an dieser Stelle gern weiterempfehlen möchte. Probiert das mal aus!

Fazit

Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich einmal würde für Erich Maria Remarque begeistern können. Mit „Die Nacht von Lissabon“ wurde diese feste Überzeugung vollkommen erschüttert. Es ist eine wunderschöne, traurige Liebesgeschichte und so viel mehr. Sie ist realistisch, aber auch poetisch und philosophisch. Ich möchte euch dieses Buch wahnsinnig gern ans Herz legen und empfehle euch: Lest die erste Seite! Mal sehen, wer da aufhören kann.

Bewertung

Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon | KiWi Verlag | 978-3-462-02722-8 | 272 Seiten | Taschenbuch | 8,99 Euro

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