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{Rezension} Totenblick von Markus Heitz

Beschreibung der Verlagsseite: „Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.“ Diese Nachricht hinterlässt ein Serienmörder an sorgfältig inszenierten Tatorten, die Todesbildern nachempfunden sind: alte Gemälde, moderne Fotografien oder Bilder aus dem Internet. Anfangs glauben die Ermittler noch, die Hinweise wären am Tatort versteckt oder es gäbe einen Zusammenhang zwischen den Vorlagen und den Opfern. Doch dann machen sie eine grausige Entdeckung: Auf den Vorlagen erhöht sich die Zahl der abgebildeten Toten – aber da ist noch mehr: Die Spuren für die Ermittler sind an einem besonderen Ort vom Täter verborgen worden …

Rezension

Markus Heitz gilt als Großmeister der deutschen Fantasy. Kein anderer wurde so oft mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Das Fantastische, das Mystische, das Unerklärliche, Zwerge, Drachen und Vampire – diese Dinge sind das Metier von Markus Heitz. Dass er auch ein anderes Genre zu seinem machen kann, beweist er nun mit Totenblick, von ihm selbst als „Durch-und-durch-Thriller“ bezeichnet. Was man bekommt, ist genau das und noch viel mehr: ein psychopathischer Serienkiller, eine Hand voll Ermittler, grausige, aber doch höchst interessante Morde und natürlich ein Hauch Mystisches – sonst wäre es wohl kein echter Heitz.

Schon das Vorwort, bestehend aus „Fiktionshinweis“, „Un-Fiktionshinweis“ und „Semi-Fiktionshinweis“, ist ein echter Lesegenuss. Der Autor richtet das Wort an seine Leser, zwingt sie in seinen Bann, bringt sie noch einmal ganz sympathisch zum Lachen, bevor er das Grauen beginnen lässt.

„Der Blick aus den Augen der Toten bringt Unglück, sagte man früher. Deswegen schloss man ihnen die Lider“, sprach eine angenehme Stimme hinter ihnen. „Er ziehe die Lebenden ins Grab.“ (S.62)

Totenblick ist kein Thriller nach Schema F. Ja, es gibt Ermittler und Täter und zwischen ihnen stehen die Opfer und die grausigen Morde, aber es gibt auch noch viel mehr. Wirklich getragen wird dieser Roman von den recht vielen Figuren, die jedoch niemals nur plakativ sind. Selbst wenn sie nur sehr kurz auf der Bildfläche erscheinen – etwa das ein oder andere Opfer – legt der Autor Wert darauf, dem Leser einen echten, lebendigen Menschen vor Augen zu halten, einen Menschen mit Wünschen und Träumen und Freunden. Dies vermag er aber nicht durch langatmige Beschreibungen und Ausschmückungen zu tun, sondern durch kleine Detail und Hinweise, die er in den Text eingeflochten hat. Auf diese Weise berührt jeder Tod in diesem Buch, egal, ob man die Figur schon eine Weile begleitet oder sie gerade erst kennengelernt hat. Und eines sollte hier noch gesagt werden: Niemand ist sicher in dieser Geschichte von Markus Heitz. Wer vom Totenblick erfasst wird, muss sterben.

Der Fall, den es hier zu lösen gilt, ist ganz etwas für das Thrillerherz. Die Morde sind grausig, aber faszinierend. Es ist wohl nicht zu viel verraten, zu sagen, dass der Mörder sich große Mühe gibt, mit seinen Opfern Gemälde nachzustellen, in denen sich der Tod manifestiert hat. Zum Glück gibt es heutzutage das Internet, sodass man sich auch als Unkundiger der Kunst mit wenigen Klicks ein genaues Bild von der Vorlage machen kann. Allerdings mangelt es dem Autor keinesfalls an Beschreibungstalent.

Besonders die Situationen, in denen er seine Figuren darstellt, sind sehr gut gewählt. Sie sind einerseits alltäglich, andererseits verraten sie unheimlich viel über den Charakter, seine Denkweise, sein Inneres. Hier wird sehr schnell klar, dass die handelnden Personen ebenso wenig stereotyp sind wie der Thriller. Ihre Stärken und Schwächen werden schnell offenbar und wecken das Interesse des Lesers. Ein Ermittler mit ADHS? Ein leidenschaftlich Theater spielendes Ex-Motorradgang-Mitglied? Alles scheint möglich in diesem Roman. Sogar ein Bestatter mit heißem Draht zum Schnitter (Fans kennen Konstantin Korff schon aus Oneiros).

Rhodes Blick ging zur Zimmerpflanze, ein unvermeidlicher Ficus benjaminus, der sich nahe am Fenster ausbreitete, als wollte er zu einem Wald werden. (S.182)

Spannende und vielschichtige Figuren sowie ein sprachlich hohes Niveau fesseln den Leser von der ersten bis zur letzten Seite, die – trotz dass es über 500 davon gibt – leider viel zu schnell kommt. Dies liegt nicht zuletzt auch an dem abwechslungsreichen und kurzweiligen Schreibstil von Markus Heitz. Beschreibungen sind interessant, nie langatmig, Heitz weiß, mit wenigen Worten zu schockieren, zu überraschen oder einem ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Er spielt augenzwinkernd mit Klischees oder benutzt sie, um am Ende etwas ganz anderes daraus zu generieren.

Fazit

Alles in allem liefert Markus Heitz uns hier eine richtig fesselnde Geschichte mit unglaublich interessanten Figuren, die sowohl Fans des Genres ansprechen werden als auch diejenigen, die nicht unbedingt die typischen Thriller-Leser sind.

„Totenblick“ ist ein Thriller durch und durch mit einem Extraschuss Unerklärlichem – ganz wie vom Autor versprochen!

Bewertung

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Markus Heitz: Totenblick I Droemer Knaur I 528 Seiten I 978-3-426-50591-5 I 9,99 Euro

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1 Kommentar

  • Antwort {Lese-Logbuch} Sandys November 2016 | Tintenmeer 21. Juni 2018 at 9:30

    […] Fluch“ von Markus Heitz in die Hände. Das stand auf meiner Wunschliste, seit ich den Thriller „Totenblick“ von ihm gelesen habe. Den Anfang fand ich sehr mysteriös und ich hatte ein gutes Gefühl. Leider […]

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