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{Rezension} The Last Border: Halt mich fest von Daniela Hartig

Stell dir vor, du hast keine Identität.
Stell dir vor, du hast keine Rechte.
Stell dir vor, du hast kein Leben.
Weil du eine Frau bist.

Der siebzehnjährigen Hanna ist es, seit sie denken kann, untersagt, frei und selbstbestimmt zu leben. Denn seit die Radikalen die Macht über ihr Land übernommen haben, ist der Alltag der Frau geprägt von Unterdrückung und absolutem Gehorsam. Nichts, aber auch gar nichts von Hannas Schönheit, ihrem Wissen und ihren Gefühlen darf je nach außen dringen. Niemand darf sie sehen. Erst als sie Sayed kennenlernt, einen unerschrockenen und selbstbewussten jungen Mann, sieht sie die ganze Wahrheit hinter den grausamen Ereignissen.

Er zeigt ihr, dass Liebe alle Grenzen sprengt.
Er zeigt ihr, dass Freiheit möglich ist.
Aber zu welchem Preis? (Klappentext)

Rezension

Wie ihr wisst, zählen „Fuck you, Love“ und „Fuck you, Hope“ von Daniela Hartig zu meinen absoluten Highlights 2018. Und als die liebe Dani mich fragte, ob ich ihr neuestes Werk zu einem brisanten und aktuellen Thema lesen möchte, musste ich nicht lange nachdenken und laut JA rufen! Eins vorweg: Man kann es überhaupt nicht mit den beiden oben genannten Werken vergleichen und sollte es auch nicht. Es vermittelt eine ganz eigene düstere, ernste Stimmung und behandelt wichtige Themen, u. a. die Rechte von Frauen und wie die Bevölkerung in einem von Krieg zerrütteten Land irgendwie überleben muss. Ob die Autorin mich damit fesseln konnte, erfahrt ihr jetzt.

Dass Daniela Hartig schreiben kann, wusste ich schon und auch hier überzeugte sie mich mit ihrem direkten, ungeschönten Schreibstil. Ich nannte es in meinen alten Rezis „voll in die Fresse“ und das trifft es auch hier ganz gut. Die Sätze sind reduziert, verkürzt, schnörkellos und damit passend zum Inhalt. Denn es herrscht Krieg in Deutschland. Allerdings muss ich zugeben, dass mir die Sätze manchmal etwas zu kalt und nüchtern waren. Ich hätte mir den ein oder anderen poetischen oder sanften Moment (wie in FYL/FYH) gewünscht …

Dennoch setzte schon von Beginn an eine Sogwirkung ein, die mich zum Weiterlesen trieb. Trotz einiger kleiner Längen fesselte mich die Geschichte und ich verfolgte gespannt, welchen schlimmen Ereignissen sich Hanna und Sayed als Nächstes stellen müssen. Da wären wir auch schon bei unseren zwei Protagonisten. Anfangs wird alles aus Hannas Sicht erzählt und ca. ab der Hälfte der Story kommt auch Sayeds Perspektive hinzu.

Ich muss gestehen, dass ich mit Hanna leider nie ganz warm wurde. Ich kam emotional nicht an sie heran, sie war mir zu egoistisch, stur, anstrengend und undankbar. Irgendwie opfern sich sämtliche Personen für sie auf und sie scheint es nicht zu schätzen zu wissen. Vielmehr setzt sie andauernd ihren Sturkopf durch, macht ihr eigenes Ding und bringt damit mehr als einmal andere in Gefahr. Puh. Das hat mich einige Nerven gekostet …

Rezension The Last Border: Halt mich fest von Daniela HartigGleich zu Anfang begegnet Hanna Sayed, der sich um sie sorgt, ihr Vertrauen gewinnt, ihr Freiheit und Unbeschwertheit zeigt. Er ist ein netter Kerl, manchmal etwas jähzornig, aber mit einem guten Herzen. Leider blieb auch er mir insgesamt zu blass. Ich hätte mir außerdem eine intensivere, längere Annäherungsphase gewünscht. Hannas und Sayeds Kennenlernen, Vertrauen fassen, Freundschaft und schließlich Verliebtheit ging mir etwas zu schnell. Hanna, die sonst in sich gekehrt und eher ängstlich war, vertraut ihm quasi sofort, was für mich übereilt war, wenn man bedenkt, was für Strafen die beiden erwarten würden, wenn man sie bei ihren geheimen Treffen erwischte.

Mein liebster Charakter im Buch war allerdings Sayeds Vater – was für ein warmherziger, aufopferungsvoller und positiver Mensch, den man sich in solch schweren Zeiten nur an seiner Seite wünschen kann! Was habe ich mitgefiebert, als er die beiden beherbergte, verteidigte und damit immer mehr in den Fokus der Regierungsbeamten rutschte …

Die Zukunftsvision von Daniela Hartig, in der Frauen hierzulande keine Rechte haben, ist erschreckend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass dies in einigen Ländern dieser Welt in ähnlicher Form Realität ist. Obwohl die Gleichberechtigung auch hier ein junges Thema ist, bin ich eher skeptisch, dass eine solche Vision in Deutschland wahr werden könnte. Ich möchte da lieber positiv und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, denn Angst und Panikmache bringen uns nicht weiter.

Bei vielen Ereignissen im Buch musste ich schwer schlucken. Viele Szenen schlugen mir auf den Magen und aufs Gemüt. Die unzähligen Opfer machten mich ziemlich fertig und ich brauchte ab und an eine kleine Pause, um alles zu verdauen. Sensiblen Gemütern würde ich „The Last Border“ deshalb eher nicht empfehlen. Ich finde auch, dass die minimalen Hoffnungsschimmer die brutalen und grausamen Szenen leider nicht aufwiegen. Es herrscht durchweg eine Endzeitstimmung, geprägt von der Angst ums nackte Überleben.

Dennoch habe ich wieder einmal großen Respekt vor Daniela Hartig, dass sie dieses wichtige, brisante Thema so knallhart und direkt umgesetzt hat. Sie schont dabei weder sich selbst, noch die Charaktere oder die Leser. Chapeau dafür! Da sieht man mal wieder einen der Gründe, warum ich so gerne Self-Publisher lese: Sie trauen sich was und können sich in ihren Geschichten ungehemmt austoben!

Fazit

Puh, Hanna und Sayed haben es mir nicht leicht gemacht, dazu kam das schwer verdauliche Thema Krieg und die durchgehend düstere Stimmung mit vielen Grausamkeiten. Nichtsdestotrotz hat Daniela Hartig in „The Last Border: Halt mich fest“ ein wichtiges Thema angesprochen und ehrlich und authentisch umgesetzt.

Wieder einmal bewundere ich die Autorin für ihren Mut, sich unangenehmen Themen zu stellen, die unbedingt ins Bewusstsein gerufen werden sollten, um Sichtweisen zu hinterfragen und aufzurütteln. Also auch wenn „The Last Border“ am Ende nicht zu 100 % meinen Geschmack traf – Hut ab, denn genau DAFÜR ist Literatur da!

Bewertung

Daniela Hartig: The Last Border: Halt mich fest | Amazon Media EU S.à r.l. | 398 Seiten | ISBN: 978-3964433459 | Taschenbuch 12,90 Euro, E-Book 2,99 Euro

Vielen Dank an Daniela Hartig für das Rezensionsexemplar!

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1 Kommentar

  • Antwort Sonntagsbrunch No 3 - Wochenrückblick 27. Januar 2019 at 10:04

    […] von Tintenmeer hat eine neue Rezesion für Euch. Daniela Hartig: The Last […]

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