Rezension Nebelflut von Nadine d‘Arachart und Sarah Wedler | Thriller | Irland | Entführung | Dublin | Krimi | Tintenmeer
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{Rezension} Nebelflut von Nadine d‘Arachart und Sarah Wedler

Klappentext: Vor neunzehn Jahren verschwand die kleine Amy Namara spurlos – nun werden ihre blutigen Kleider in einem Fluss nahe Dublin entdeckt. Zeitgleich beginnt eine grausame Mordserie. Schnell wird Amys Bruder Patrick, ein unbescholtener Arzt, zum Hauptverdächtigen. Was keiner weiß: Auch an Amys Schicksal ist er alles andere als unschuldig.

Rezension

Nadine d‘Arachart und Sarah Wedler, das sind Namen, die sich Thriller-Leser merken sollten. Die beiden Nachwuchsautorinnen aus dem Ruhrgebiet wurden schon mehrfach ausgezeichnet (unter anderem mit dem Förderpreis zum Literaturpreis Ruhr 2012). Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine beachtliche Anzahl an Kurzgeschichten sowie drei Romane. Der dritte Roman des Autorinnenduos Nebelflut erschien vor wenigen Wochen.

Sechs Jahre war Amy Namara alt, als sie spurlos verschwand und damit das friedliche irische Dorf Glencullen erschütterte. Heute, 19 Jahre danach, werden die blutigen Kleider und der Teddy des Mädchens gefunden – Grund genug, um den ungelösten Fall erneut aufzurollen.

Schnell stoßen die Ermittler auf eine mysteriöse Schaffarm inklusive Folterkeller. Diese wurde anscheinend kürzlich verlassen – eine Leiche ließ man jedoch dort zurück, die nur der Anfang einer ganzen Reihe sein wird. Im Verlauf der polizeilichen Arbeiten rückt auch Patrick Namara, Amys großer Bruder, der heute ein gut situierter Hausarzt in Dublin ist, in den Fokus.

Amy strengte sich an, das Lächeln wieder aufzusetzen, auch wenn Tränen in ihren Augen brannten. Sie wollte hier weg, sie wünschte es sich ganz fest, aber nichts geschah.
[…]
„Wo soll das mit dir noch enden, meine kleine Albia?“
„Ich heiße Am…“
Wieder der Rohrstock. Die Kinder versteiften sich. Amy wollte schreien, aber sie tat es nicht. Sie wusste, dass Schreien strengstens verboten war und dass darauf eine noch viel schlimmere Strafe stand.
„Du heißt Albia!“ Marys Stimme klang jetzt nicht mehr so nett und sanft und sie lächelte auch nicht mehr.

– d’Arachart/Wedler: Nebelflut, S.93f

Schon der Einstieg in die Geschichte ist den Autorinnen sehr gut gelungen. Die beiden Ermittler Brady McCarthy und Sean Callahan erreichen den River Camac, an dem ein Jogger eine Leiche gefunden haben will. Zügig erhält man ein umfassendes Bild über den Stand der Ermittlungen im Fall Amy und über den desolaten Zustand der Familie des Mädchens, die seit so langer Zeit zwischen Hoffen und Bangen schwebt.

Auch mit den Ermittlern steht man zwei durchaus interessanten und lebensnah wirkenden Figuren gegenüber. Schnell wird ebenfalls klar, dass die beiden äußerst ungleich sind, was zudem einen gewissen Reiz im folgenden Geschehen ausmacht.

Brady ist der jüngere der beiden Detectives. Dieser Fall entwickelt sich rasch zu seinem ersten Mordfall, den er möglichst zügig und erfolgreich aufklären will, um die Karriereleiter nach oben klettern zu können. Er möchte seine Ideen und Theorien gern durchsetzen und sich behaupten, gleichzeitig ist er aber auch sehr unsicher, erkennt die Erfahrung des älteren an und verlässt sich sehr gern auf dessen Urteilsvermögen.

Dass Patrick Namara etwas mit dem Verschwinden seiner kleinen Schwester Amy zu tun hat, ist von Anfang an ziemlich klar, was genau er sich jedoch zu Schulden kommen ließ, bleib fast bis zum Ende offen. Offensichtlich ist jedoch, dass ihn sein Wissen und auch sein Gewissen seit neunzehn Jahren quält – mit fatalen Folgen. Nach und nach entdeckt der Leser, was es für eine Familie bedeuten muss, ein Kind zu verlieren, dessen Verbleib so lange ungewiss ist. Die Autorinnen vermögen es, die Abgründe, die sich hier auftun können, sehr komplex und realistisch zu reflektieren.

Nicht jeder Thriller muss ein blutiges Spiel sein und nicht immer muss sich ein Gemetzel an das nächste fügen, muss ein Pathologe in den Überresten eines Menschen wühlen. Viel schwieriger ist es, das Grauen und die Fassungslosigkeit im Leser zu wecken, ohne die ekelhaften, körperlichen Details zu bemühen. Und dies gelingt den beiden Autorinnen ganz besonders in den Rückblenden. Welche Dinge Amy erleben musste, erfährt der Leser in diesen Passagen aus der Perspektive des Mädchens. Die Folter ist grausam, wird aber in der Erzählung nicht in den Vordergrund gestellt. Was den Leser wirklich mitnimmt, ist die Seelenqual des Kindes, das sich nur eines wünscht: wieder nach Hause zu seiner Familie zu dürfen.

Die Autorinnen schaffen es perfekt, den Leser in die schicksalhaften Verstrickungen dieses Buchs zu ziehen und ihn so immer und immer wieder mit den grausamen Erkenntnissen des Falls zu schockieren. Besonders die Perfidie der Geschichte und der im Leser immer wieder aufkeimende Gedanke, dass dies alles wahr sein und irgendeinem Menschen auf der Welt widerfahren könnte, lässt ihm kaum eine ruhige Minute.

Das Autorinnenduo überzeugt in diesem fesselnden Krimi nicht nur mit sprachlicher Qualität, sondern auch durch Details und Bezugnahmen auf das Leben und die Besonderheiten Irlands, mit denen sie das Geschehen unterfüttern und es somit stärker in der Realität verorten. Auch der Wechsel zwischen drei Perspektiven (die Ermittler / Patrick / Rückblenden von Amy) ist sehr reizvoll und hält die Geschichte auf einem konstant spannenden Niveau. Als Leser ist man permanent damit beschäftigt, das Knäul aus Indizien und Hinweisen auseinanderzuklamüsern und spinnt mit jedem neuen Hinweis eine neue Theorie.

Die Covergestaltung finde ich sehr gelungen: düster, unheimlich und ein wenig blutig im Schriftzug. Auch das Motiv, welches an die irische Landschaft erinnert, harmonisiert auf der Vorderseite durch den Fluss und auf der Rückseite durch die Farm perfekt mit dem Inhalt der Geschichte.

Fazit

Nebelflut kann nur als mörderisch spannend bezeichnet werden. Packend und wirklichkeitsnahe erzählt der Roman die Geschichte um das Verschwinden der kleinen Amy Namara aus drei wechselnden Perspektiven. Das Autorinnenduo überzeugt hier nicht nur sprachlich auf hohem Niveau, sondern auch durch differenziert ausgearbeitete Figuren, deren Komplexität sofort ins Auge fällt, sich jedoch im Laufe des Buchs noch weiterzuentwickeln vermag.

Absolut spannend – absolut empfehlenswert. Krimi- und Thrillerfans sollten hier definitiv einen Blick riskieren, sie werden es nicht bereuen!

Bewertung

fuenf_sterne

Nadine d‘Arachart und Sarah Wedler: Nebelflut I Telescope Verlag I 220 Seiten I 978-3-941139-52-7 I 9,99 Euro I Homepage der Autorinnen: Write Fever

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2 Kommentare

  • Antwort Flori 11. Mai 2013 at 10:57

    klingt echt spannend :)

  • Antwort {Blogtour} Ankündigung Nebelflut von Nadine d'Arachart und Sarah Wedler | Tintenmeer 16. August 2018 at 16:15

    […] kennt Nebelflut noch nicht? Hier findet ihr Informationen und meine Rezension des […]

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